Sie sind hier: HomeTelekommunikation

Digitalisierung: Verschläft der Mittelstand den globalen Wettbewerb?

Digitale, smarte Produkte und Services sind die Zukunft. Doch wie lassen sich ältere Maschinen und Anlagen in den Produktionshallen vernetzen? Ein erster Schritt in Richtung Industrie 4.0 kann dabei pragmatischer ausfallen als gedacht.

Wecker von Hand gehalten Bildquelle: © Annika Loewe - Fotolia.jpg

Die deutsche Wirtschaft verpasst die Digitalisierung, glauben einige Branchenkenner. Stimmt das wirklich? Eine Studie von Pierre Audoin Consultants (PAC) bestätigt diese Einschätzung nicht allgemein. Sie kommt zu dem Ergebnis: 71 Prozent der deutschen Mittelständler haben bereits Industrie 4.0-Projekte gestartet oder erste Maßnahmen abgeschlossen. Dennoch hat der deutsche Mittelstand seine Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Welche Schritte müssen die Unternehmen jetzt gehen?
Unternehmen wollen zukünftig mehr Effizienz und optimierte Prozesse. 92 Prozent der Befragten erwarten laut PAC, dass sie durch die Digitalisierung Fortschritte erzielen. Im Fokus (72 Prozent) stehen dabei Serviceleistungen für Kunden, um besser auf deren Wünsche eingehen zu können. Aber: Nur knapp die Hälfte der Befragten will durch Digitalisierung Produkte künftig als Services anbieten. Hier laufen die deutschen Unternehmen Gefahr, ihren Vorsprung zu verlieren. Denn in anderen Ländern, wie zum Beispiel Nordamerika, stehen smarte Produkte viel stärker im Vordergrund. Und: Ein Drittel der Befragten hält die Digitalisierung für nicht viel mehr als ein „Buzzword“ oder prüft beziehungsweise evaluiert momentan noch den potenziellen Mehrwert von Industrie 4.0-Inititativen.

Industrie 4.0 bedeutet nicht nur Technik
Für den Erfolg von Industrie 4.0-Projekten sind verschiedene Faktoren entscheidend: 82 Prozent der Befragten erwarten, dass die Geschäftsleitung die Digitalisierung vorantreibt. Allerdings halten nur 22 Prozent ihre Geschäftsleitung für darauf sehr gut vorbereitet.
Als ebenfalls wichtig erachtet werden die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit mit 89 Prozent und die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern. Eine Kultur, in der neue Wege beschritten werden und Fehler zulässig sind, erachten hingegen nur 51 Prozent für wichtig. Dabei ist dieses Thema ein zentraler Aspekt der Digitalisierung: Aus Fehlern entstehen manchmal die größten Neuentwicklungen.
Agilität ist ein Stichwort der modernen Unternehmensführung. Die Kunden verlangen angesichts des globalen Wettbewerbs schnelle, maßgeschneiderte Lösungen und Innovationen. Bei aller Flexibilität benötigen die Unternehmen stabile Backbone-Systeme, die ihre Geschäftsprozesse zuverlässig und sicher abwickeln. Die Brücke zwischen Agilität und Stabilität bilden moderne ERP-Systeme als etablierte Plattformen, die jederzeit flexibel und modular erweiterbar sind. Sie sind sowohl für den Betrieb On-premises als auch in der Cloud geeignet und lassen sich durch umfangreiche Konfigurationsmöglichkeiten leichter an die Geschäftsprozesse anpassen. Circa 90 Prozent der Unternehmen geben daher an, dass für erfolgreiche Industrie 4.0-Projekte moderne ERP-Systeme notwendig sind. Allerdings: 57 Prozent der Befragten schätzen ihr ERP-System als zu starr ein, um damit erfolgreiche Prozesse zu verbessern.

Erfolgsfaktoren für die Smart Factory
Als große Hürde beurteilen 68 Prozent der Studienteilnehmer die Integration der vielen verschiedenen Systeme und Daten. Auf dem Weg zur Smart Factory müssen IT-Systeme sowie Sensordaten zahlreicher vernetzter Maschinen und Anlagen zusätzlich eingebunden werden. Moderne ERP-Systeme bringen dazu viele Ansatzpunkte mit;  beispielsweise die Integrationsmöglichkeiten über einen Enterprise Service Bus. Der hohe Pflegeaufwand und das Betriebsrisiko, die mit einem unübersichtlichen Geflecht zahlreicher Eins-zu-eins-Schnittstellen einhergehen, werden so ausgeräumt.
Oft sind manuelle Arbeitsgänge sowohl in der Produktion wie im kaufmännischen Bereich noch immer die Norm. Die durchgängige Digitalisierung von Abläufen stellt daher 67 Prozent der Unternehmen vor eine große Herausforderung. Ein Workflow-Management kann  helfen: Unternehmen übergeben Informationen dann von einer Instanz zur nächsten reibungslos. Die Prüfung und Freigabe von Rechnungen oder die Übermittlung von Servicestunden für die Rechnungsstellung sind typische Beispiele. Sie versprechen einen schnellen Return on Investment.
Selbst wenn es irgendwann einmal einen europäischen oder sogar weltweiten Standard für das Industrial Internet of Things geben sollte: Für bereits angeschaffte Maschinen kommt dieser zu spät. Viele IT-Leiter zerbrechen sich daher den Kopf, wie sie ältere Anlagen mit dem ERP-System als Steuerzentrale vernetzen können. Knapp die Hälfte der Teilnehmer an der PAC-Studie sah dies als große Herausforderung für sich. Dabei gibt es bereits erste, vielversprechende Pilotlösungen: Etwa, indem ein Minirechner zwischen Maschine und ERP geschaltet wird. Ein Raspberry Pi empfängt dann Produktionsbefehle, verarbeitet sie und leitet sie an die Maschine weiter. Auf demselben Weg werden umgekehrt auch Maschinendaten an das ERP-System übergeben. So lassen sich auch ältere Anlagen zukunftsfit machen.
Nicht vergessen werden dürfen die Daten: Vollständige, richtige und eindeutige Daten werden durch die Digitalisierung immer wichtiger. Unternehmen nutzen aktuell jedoch nur rund die Hälfte des Wertschöpfungspotenzials ihrer Daten aus: Eine der wesentlichen Hürden dürfte dabei in der mangelhaften Qualität liegen. Halbherzige Bereinigungsprojekte sind hier nicht ausreichend. Es gilt, die Datenqualität langfristig und durchgängig zu steigern. Die Mehrheit der für die Studie befragten Betriebe ist überzeugt, dass Industrie 4.0-Initiativen von strategischer Bedeutung sind, um langfristig im globalen Wettbewerb zu bestehen. Sicherlich bedeutet die Digitalisierung große Veränderungen und das bringt zunächst Unsicherheit. Unternehmen müssen dennoch diese Bereitschaft zur Veränderung verinnerlichen. Mittelständler, die sich der Digitalisierung stellen, gewinnen an Effizienz, erobern neue Märkte und bieten neue Services und Produkte an. Insgesamt gilt: Lieber klein starten und Erfahrungen sammeln, als sich überholen zu lassen.