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Made in Germany: Das Qualitätssiegel als Selbstläufer?

Fortsetzung des Artikels von Teil 1.

Probleme und Lösungsansätze

Regulierung mit Augenmaß 
Die tatsächliche Reaktion folgt noch zu sehr den bekannten, ausgetretenen Pfaden und dem Motto: Mehr von dem, was nicht hilft. Dies gilt sowohl für gesetzliche Vorgaben als auch auf Mikroebene für das Qualitätsmanagement in den Unternehmen. Ein Mehr an Vorschriften oder eine Verschärfung der Regelsysteme bringt jedoch nicht den erwünschten Erfolg. So ist zu beobachten, dass sich die Zahl der Skandale gerade in den Branchen erhöht, die für eine strenge Regulierung bekannt sind. Irgendwann lassen sich die Vorschriften nicht mehr wirtschaftlich einhalten. Das Resultat: Die Menschen in Organisationen versuchen, die Regeln zu umgehen – auch dies gilt sowohl für Vorgaben des Gesetzgebers als auch des Qualitätsmanagements. Der Finanzsektor und die Automobilindustrie haben gezeigt, dass Überregulierung schnell das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erzielt. Letztlich ist auch der Abgasskandal keine Frage eines funktionierenden Qualitätsmanagements, sondern möglicherweise das Versagen eines überreglementierten Systems. Wenn die Energie von Organisationen darauf verwendet wird, zu starre Regeln zu umgehen, kann dies auch ein noch so gutes Managementsystem nicht verhindern. Die Antwort muss also eher lauten, passende Konzepte und Organisationsformen zu finden, die den geänderten Anforderungen des Marktes besser begegnen. So haben beispielsweise agile Ansätze das Potenzial, die Unternehmen mit der erforderlichen Flexibilität und Schnelligkeit zu versehen, um in sich verändernden Märkten zu bestehen. Dazu gehört auch eine Unternehmenskultur, die den Menschen in Unternehmen Mut gibt, neue Wege zu gehen und die auch das frühe Scheitern einer Idee zulassen kann.

Germany Trade & Invest Bildquelle: © Germany Trade & Invest

Deutsche Firmen sehen sich weltweit neben der inländischen und der traditionellen Konkurrenz durch Unternehmen aus führenden Industrieländern dem zunehmenden Wettbewerb durch chinesische Firmen ausgesetzt.

Bestehende Infrastruktur bröckelt
In Bezug auf ein „Quality made in Germany“ wäre es wichtig, die notwendige Infrastruktur zu stärken oder erst zu erschaffen, die diese Qualität ermöglicht. Dies beginnt mit der Frage, inwieweit Deutschland und deutsche Unternehmen auf die Digitalisierung vorbereitet sind, ohne sie dabei auf den Aspekt „Industrie 4.0“ zu verkürzen. Hierbei geht es nicht nur um die technologische Infrastruktur wie die Versorgung mit dem Mobilfunkstandard 5G. Es geht auch darum zu analysieren, welche Voraussetzungen in der Gesellschaft bestehen, um digitale Geschäftsmodelle entwickeln und umsetzen zu können. Welche Kompetenzen müssen die Menschen – jenseits von Programmierkenntnissen – mitbringen, um in der Arbeitswelt 4.0 bestehen zu können? Wie müssen sich Organisationen aufstellen? Welche Auswirkungen hat das auf das Qualitätsmanagement? Welchen Beitrag kann beispielsweise der Bildungssektor leisten? Alle diese genannten Aspekte sind Faktoren einer Qualitätsinfrastruktur, die den Ruf von „Made in Germany“ nicht nur erneuern, sondern auch auf die nächste Ebene heben kann. Der Blick auf den derzeitigen Status quo ist jedoch ernüchternd. In vielen der Punkte bröckelt die Infrastruktur in Deutschland und droht, in wichtigen Zukunftsfeldern den Anschluss zu verlieren. 

Neue Netzwerke für Qualität
In solch einer Situation wird schnell der Ruf nach dem Staat laut. Als ordnende Hand soll er die Weichen stellen, um die erforderliche Infrastruktur zu schaffen. Doch der Weg sollte ein anderer sein. Wenn es zunehmend Netzwerke sind, aus denen Qualität entsteht, dann muss dieser Satz auch für den Wirtschaftsstandort gelten. Es müssen sich neue Netzwerke aus den unterschiedlichsten Institutionen und Organisationen bilden. Aufgerufen sind Vertreter aus Wirtschaft, Forschung, Bildung und auch Politik, sich zusammenzufinden, sich gegenseitig zu stimulieren und inspirieren, um Ideen und neue Wege für neue Herausforderungen zu finden, ohne dabei zwangsweise den Anspruch der Perfektion zu erheben. Diese neuen Netzwerke könnten gemeinsam an einem erweiterten Qualitätsbegriff arbeiten, der neue Aspekte umfasst, die nicht dem klassischen Produktionsbereich entstammen. Dazu gehören fraglos Themen wie die Digitale Transformation, geänderte Kundenanforderungen oder wachsender Innovationsdruck. Dazu gehören aber auch Punkte wie Mobilität, Gesundheit oder Pflege. Dies alles zahlt auf die Standortqualität von Deutschland ein. 

Schnell zeigen sich der Übergang zu und Zusammenhang mit Faktoren, die die Lebensqualität betreffen. Es geht dann auch um wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit von Produkten inklusive ihrer vorgelagerten Lieferketten. Bei aller nationalen Eigenständigkeit könnte dieses neue und erweiterte Label „Quality made in Germany“ auch ein Vorbild für einen gemeinsamen europäischen Qualitätsraum sein, der die EU-Mitgliedsländer näher zusammenrücken lässt und dabei gleichzeitig Verantwortung nach außen zeigt. In Zeiten von Populismus und Brexit ist das sicherlich eine Überlegung wert.

Claudia Welker, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ)