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Smart Cities: Digitalisierung als Querschnittsaufgabe

Deutschland hatte bis dato nicht den besten Ruf, wenn es um die urbane Digitalisierung geht. Von internationalem Vorbildcharakter keine Spur, so das vernichtende Urteil des EU-Smart-City-Rankings noch vor zwei Jahren. Hat sich das mittlerweile geändert?

Stadt Silhouette Bildquelle: © Martina Chmielewski - Adobe Fotolia
Smart City Atlas 2019, Bitkom Bildquelle: © Bitkom

50 Städte haben bereits Smart-City-Initiativen gestartet. Das ist das Ergebnis des Smart-City-Atlas, den der Bitkom in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software-Engineering (IESE) und 13 weiteren Partnern erstellt hat.

„In Deutschland gibt es keine Stadt, die international Vorbildcharakter für die urbane Digitalisierung der Zukunft hat. Deutschland schafft es nicht einmal in die Top 20 des EU-Smart-City-Rankings der TU Wien und TU Delft. Das gilt es in Zukunft zu ändern“, urteilte der Bitkom noch im Jahr 2017. Nun hat der Digitalverband die Ergebnisse des Smart-City-Atlasses vorgelegt. Und dieser zeichnet schon ein leicht positiveres Bild. Die Quintessenz vorweg: 50 deutsche Städte sind auf dem Weg zur Smart City. „In digitalen Städten wird Urbanität neu definiert“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Wir haben die deutsche Smart-City-Landschaft vermessen und nach thematischen Schwerpunkten gegliedert.“ Mit dem Smart-City-Atlas lege der Digitalverband nach eigener Aussage erstmals eine umfassende qualitative Analyse der Digitalisierung deutscher Städte vor. Konkret beinhaltet der Atlas ausführliche Porträts aller 50 Städte, beschreibt die jeweiligen Organisationsstrukturen in den Rathäusern und listet lokale Leuchtturmprojekte.

Die Auswahl der 50 Städte erfolgte auf Grundlage vorab definierter Kriterien: Voraussetzung für die Aufnahme in den Altas war unter anderem, dass in der Kommune eine integrierte Digitalstrategie entwickelt, eine ressortübergreifende Organisationseinheit geschaffen oder ein lokales Partnernetzwerk für die Digitalisierung etabliert worden sei. Dabei kamen alle Städte in die Vorauswahl, die mehrere der bestimmten Kriterien erfüllten und somit eine Gesamtbewertung von zwei oder auch drei Punkten erzielten. Darüber ­hinaus wurden auch einzelne Städte ausgewählt, die im Vergleich zu anderen Städten in der Gesamtbewertung zwar nur einen Punkt hatten, dabei jedoch mindestens einen Digitalverantwortlichen und/oder Bestrebungen zur Erstellung einer Digitalen Agenda und/oder Digitalisierungsprojekte in den gesetzten Handlungsfeldern aufweisen konnten. Zudem wurde darauf geachtet, in jedem ­Bundesland mindestens eine Stadt zu untersuchen. Auf Basis qualitativer Interviews entstanden dann im Zeitraum zwischen Dezember 2018 und März 2019 Steckbriefe der Städte mit Angaben zu deren digitaler Agenda, Motivation und Zielsetzung für den Digitalisierungsprozess, Organisationsstruktur im Bereich Smart City, Partnernetzwerk vor Ort, Bürgerbeteiligung, Chancen und Herausforderungen, Handlungsempfehlungen und jeweils drei Projektbeispiele. Eine Bewertung oder auch Einordnung in eine Rangliste nimmt der Atlas – im Gegensatz zum EU-Smart-City-Ranking der TU Wien – nicht vor. An dieser Stelle zeigt sich, dass solche Smart-City-Einordnungen stets mit Vorsicht zu genießen sind und nicht immer vergleichbaren Gesetzen folgen. Mitunter liefern sie lediglich eine Momentaufnahme oder legen einen grundsätzlich anderen Kriterienkatalog zugrunde. Während nämlich Göttingen mit Platz 22 im EU-Smart-City-Ranking die beste deutsche Platzierung einnimmt (Stand: Ende April 2019), ist die niedersächsische Universitätsstadt unter den Top 50 im Bitkom-Atlas nicht vertreten.

Noch am Anfang
Mit Blick auf die Entwicklung der jeweiligen Städte zeichnet der Atlas ein interessantes Bild: Die 50 untersuchten Städte befinden sich jeweils in unterschiedlichen Phasen. So hätten 19 bereits eine digitale Agenda verabschiedet. Mehr als die Hälfte der betrachteten Städte (29) befindet sich inmitten des Prozesses, diese auszuformulieren. Das „sich auf den Weg machen“ erscheine dabei geeigneter als die langwierige Erstellung umfangreicher und zugleich starrer Masterpläne. Gleichzeitig würden neue Strukturen in den Verwaltungen und häufig im „Konzern Stadt“ geschaffen, um der Digitalisierung als Querschnittsaufgabe gerecht zu werden.

Allein der Status der digitalen Agenda in den Städten – mehr als die Hälfte der betrachteten Kommunen befindet sich im Entwicklungsstadium – verdeutlicht, dass die Kommunen noch am Beginn ihres Digitalisierungsprozesses stehen. Bei über 11.000 Kommunen und der Tatsache, dass im Zuge der Studie die Vorreiter betrachtet wurden, lässt dies darauf schließen, dass die Masse an konkreten Digitalisierungsprojekten in Deutschlands Städten und Regionen noch bevorsteht. Zentrale Fragestellungen wie die Nutzbarmachung kommunaler Daten werden in den kommenden Jahren laut Bitkom weiter an Bedeutung gewinnen. Die vielfach aufgeführten Open-Data-Portale oder der Vergabe- und Umsetzungsprozess einer kommunalen Datenplattform in der Digitalstadt Darmstadt könnten hierbei Modellcharakter entfalten.

Interessant ist auch, dass Smart-City-Initiativen nicht zwangsläufig nur in großen Metropolen zu finden sind. Neben Ballungsräumen und Großstädten wie Hamburg, München oder Leipzig sind auch 13 Mittelstädte vertreten, darunter Bad Hersfeld (Hessen), Coburg (Bayern) und Lemgo (Nordrhein-Westfalen). Die untersuchten Mittelstädte würden zeigen, dass Digitalisierung und Smart City auch dort über enormes Entwicklungspotenzial verfügen. Eine besondere Herausforderung stellen jedoch die Kleinstädte und Landgemeinden dar, in welchen 41 Prozent der Menschen in Deutschland leben. Die Gestaltung der Digitalisierung in diesen Räumen wird eine besondere Herausforderung in den kommenden Jahren. Die 50 im Atlas aufgeführten Städte verteilen sich auf das gesamte Bundesgebiet mit allen 13 Flächenländern und den drei Stadtstaaten. Am häufigsten vertreten sind allerdings Nordrhein-Westfalen mit 15 und Baden-Württemberg mit acht Kommunen. Beide Bundesländer fördern die Digitalisierung von Städten und Regionen mit spezifischen Landesprogrammen. Dahinter folgen Bayern (7), Niedersachsen (5) und Sachsen (3).

Wichtigste Themenfelder sind laut Erkenntnissen des Bitkom die Digitalisierung von Verwaltung (98 Prozent), Mobilität (92 Prozent) sowie Energie und Umwelt (86 Prozent). Leuchtturmprojekte, die die Städte selbst benennen, würden vor allem in den Themenfeldern Verwaltung (74 Prozent), Mobilität (60 Prozent) und Datenplattform (36 Prozent) realisiert.

Smart City Ranking, TU Wien Bildquelle: © EU-Smart-City-Ranking, TU Wien und TU Delft, www.smart-cities.eu

EU-Smart-City-Ranking der TU Wien und TU Delft

Erläuterung zur Grafik: Wissenschaftler der TU Wien haben in Zusammenarbeit mit der Universität Ljubljana und der TU Delft ein Ranking-Instrument entwickelt, das europäische „Mittelstädte“ mit weniger als 500.000 Einwohnern unter die Lupe nimmt. Herausgekommen ist ein interaktives Tool, das die Potenziale von vorerst 70 Smart Cities aufzeigt und sie miteinander vergleichbar macht. Ergebnis: Die smartesten Mittelstädte liegen in Finnland, Dänemark, Österreich, Deutschland und im Benelux-Raum. Die Studie zeigt auf, an welchen Rädern Politiker, Verwaltungen und Bewohner drehen müssen, um die „Smartness“ ihrer Stadt zu erhöhen und sie besser zu positionieren. Als beste deutsche Stadt findet sich auf Platz 22 die niedersächsische Universitätsstadt Göttingen. „Vor zwanzig Jahren hätte man bei einem Ranking nur ökonomische Aspekte betrachtet. Entscheidend für die Qualität unseres Rankings ist die Auswahl der Faktoren, die nicht nur eine wirtschaftsbezogene Sichtweise, sondern auch Governance, Partizipation, Kultur und Lebensqualität wiedergeben“, sagt Dr. Evert Meijers von der TU Delft Meijers, der die schrittweise Veränderung hin zur Platzierung am Beispiel von Göttingen und Graz demonstriert: „Für Göttingen spricht besonders der Faktor Innovatives Umfeld in der Eigenschaft Smart Economy, die Stadt zeigt allerdings Schwächen im Faktor Flexibilität und Cosmopolitanism der Eigenschaft Smart People. Graz hingegen punktet beim Faktor Kultur und Gesellschaft in der Eigenschaft Smart Living, zeigt jedoch Aufholbedarf im Faktor Luftqualität der Eigenschaft Smart Environment.“ Mehr unter www.smart-cities.eu.