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Legacy und Cloud: Zwei Welten vereinen

Obwohl sie seit vielen Jahren weitgehend störungsfrei laufen, entwickeln sich Großrechnersysteme zu Altlasten der IT. Denn das Business erwartet schnelle Bereitstellung flexibler Lösungen aus der Cloud. Und die IT steht vor dem Dilemma, Erwartungshaltung und Machbarkeit zusammenzubringen.

Puzzlebausteine Bildquelle: © vege, fotolia.com

Fachabteilungen sehen Legacy IT vor allem als Klotz am Bein des Unternehmens. Immer wieder müssen sie auf moderne Anwendungen verzichten, weil sie nicht in die bestehende IT-Landschaft passen. Auf einen einfachen Server warten sie Wochen oder Monate. Und unterwegs stehen dringend benötigte Daten nur als Ausdrucke oder per Anruf bei den Kollegen im Büro zur Verfügung. Die große Mehrheit der Unternehmen setzt deshalb auf IT-Services aus der Cloud. Das belegt unter anderem die aktuelle Studie „Data Center Ressourcen in Deutschland 2019“ von IDC. Die Befragung von IT- und Fachentscheidern aus 210 Organisationen mit mehr als 500 Mitarbeitern ergab, dass vier von fünf Unternehmen (80 Prozent der Befragten) Clouds nutzen.

Legacy weiter lebensnotwendig
So unbestritten die Vorteile der Cloud mittlerweile auch sind – sie lösen nicht automatisch alle IT-Probleme. Christoph Held, Managing Consultant & Product Owner Altemista Cloud bei NTT Data Deutschland, sagt: „In vielen Organisationen sind bestehende IT-Lösungen auf Jahre hinaus unverzichtbar für den laufenden Betrieb in den Kerngeschäftsbereichen. Das stellt die IT vor eine riesige Herausforderung.“ Held verweist in diesem Zusammenhang beispielhaft auf die Finanzbranche: „Änderungen an den oft sehr alten Systemen sind dort nicht nur sehr aufwendig, sondern auch hoch riskant“. Deshalb beschränkt sich die IT zumeist darauf, solche Lösungen mit möglichst geringem Aufwand weiter zu betreiben, anstatt sie zu modernisieren oder abzulösen.Auch Sven Klindworth, Head of IT & UCC Solutions beim IT-Dienstleister BT, ist sich sicher: „In Banken, Versicherungen und vielen anderen Großunternehmen werden die Legacy-Systeme von heute noch Jahrzehnte überdauern. Anwendungen auf Mainframes und Unix-Großrechnern im Backend lassen sich in der Regel nicht einfach in die Cloud migrieren.“ Das gelte sogar für manche Anwendungen, die auf Windows-Servern laufen. „Cloud only bleibt für die meisten Großunternehmen vorerst eine Utopie“, erklärt Klindworth. In der Praxis setzten die Entscheider stattdessen auf „Cloud first“. Das bedeutet, dass sie zwar neue Lösungen bevorzugt in der Cloud bereitstellen, dass alte Applikationen jedoch nicht ersetzt, sondern weiter auf der vorhandenen Infrastruktur betrieben werden. Damit steht die IT vor der Herausforderung, zwei Welten mit unterschiedlichen Bedingungen zu beherrschen. Mit Konzepten wie „Bimodale IT“ oder „IT der zwei Geschwindigkeiten“ versuchen Unternehmen, diesen Spagat zu meistern. „Dabei kümmert sich ein Teil der IT-Organisation um den effizienten und sicheren Betrieb der Altsysteme, während der andere dafür sorgt, innovative Anwendungen für das Business schnellstmöglich bereitzustellen“, erklärt Held.

SD-WAN flexibilisiert Infrastruktur
Die Koexistenz von Legacy und Cloud-Anwendungen in einer IT-Umgebung verlangt nach einer Infrastruktur, mit der Unternehmen die Vorteile beider Welten möglichst effizient nutzen können. Eine wichtige Rolle spielen dabei Software-definierte Weitverkehrsnetzwerke (SD-WAN). In der traditionellen Welt vernetzen Unternehmen ihre vielen Standorte meist über MPLS mit einer Zentrale, die breitbandig an das Internet angebunden ist. Dieses Vorgehen hat sich bewährt, wenn die Mitarbeiter vor allem auf zentrale Dienste innerhalb des Unternehmensnetzes zugreifen und der Internetverkehr nur eine kleine Rolle spielt. Doch dieses Modell lösen immer mehr Unternehmen durch den Umstieg auf Office 365 ab. Das bedeutet: E-Mails, Office-Dokumente und andere Inhalte liegen größtenteils in der Cloud und werden auch dort bearbeitet. Das gilt genauso für cloudbasierte Unternehmensanwendungen wie Salesforce, Workday und andere, die immer häufiger auch mobil genutzt werden. Mit SD-WAN lässt sich das Netz einfach so konfigurieren, dass die Verbindungen zu diesen Diensten über das Internet direkt vor Ort an den verschiedenen Standorten und Home-Offices aufgebaut werden („local break-out“) und nicht durch einen zentralen Anschluss, der sich andernfalls zum Flaschenhals entwickeln würde.

Mit einem SD-WAN lässt sich die Bandbreite des internen Netzes erheblich effizienter nutzen, um das steigende Datenaufkommen kostengünstig zu bewältigen. „Dennoch wird in vielen Fällen die vorhandene MPLS-Infrastruktur zunächst bestehen bleiben, denn die großen, für viele Mitarbeiter wichtigen Systeme laufen weiter überwiegend On-Premises“, sagt Sven Klindworth. „Außerdem können Unternehmen auch im SD-WAN den Backbone mit der Sicherheit und Qualität von MPLS nutzen und andere Standorte flexibel via Internet einbinden.“ Dabei sei es in vielen Fällen sinnvoll, den Internetzugang über spezielle Security-Lösungen zusätzlich abzusichern.

Friedliche Koexistenz
Das wichtigste Asset in einem digitalisierten Unternehmen sind die Daten. Hauptaufgabe der IT ist es, sämtliche Daten überall dort verfügbar zu machen, wo sie benötigt werden – natürlich unter Beachtung der geltenden Vorschriften für Sicherheit und Schutz der Daten. Das bedeutet auch auf Plattform- und Anwendungsebene: Legacy-Daten in der Cloud verfügbar machen und umgekehrt. Eine Art, diesen Austausch zu ermöglichen, besteht darin, Anwendungen gezielt so zu entwickeln, dass sie sowohl On-Premises als auch in der Cloud nutzbar sind. Das gilt beispielsweise für die Office-Software von Microsoft und eine steigende Zahl von Unternehmensanwendungen, etwa für die Personalwirtschaft oder die Marketing-Kommunikation. Gemessen an den hunderten von Anwendungen, die Großunternehmen und Behörden nutzen, handelt es sich jedoch nur um einen kleinen Teil der benötigten Tools.