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E-Health in Deutschland: "Mehr Mut und Entscheidungsfreude"

Im Vergleich zu einigen Nachbarländern hat Deutschland in puncto E-Health noch ein paar Hausaufgaben zu machen. Im funkschau-Interview erklärt Roland Berger-Partner Oliver Rong, was Deutschland zu einem besseren Stand im digitalen Gesundheitswesen führen kann.

VDE Illustartion Health Bildquelle: © VDE

funkschau: Herr Rong, welche politischen Hürden gibt es für Unternehmen in Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Oliver Rong: Auftrag der Politik – so sehen es auch die im Rahmen unserer Studie (siehe  Hintergrund) befragten Unternehmen und Gründer – ist es, verlässliche Rahmenbedingungen und technische Standards zu schaffen. Diesen Rahmen füllen dann Unternehmer mit Innovation aus. Wenn man der Politik einen Vorwurf machen kann, dann den, dass sie zeitweise zu passiv war. Unterschiedliche Interessen und Akteure hätten früher entlang eines langfristigen Ziels gesteuert werden müssen. Die von Bundesminister Spahn vorgeschlagene Neuordnung der Gematik ist insoweit ein sichtbares Zeichen für mehr Verantwortungsübernahme durch die politische Seite. Die Politik spielt auch bei der Finanzierung von Innovationen eine wichtige Rolle. Dabei beklagen Akteure, dass es zu wenig Mittel gäbe, um gezielt in Zukunftstechnologien zu investieren. Außerdem sollte die Politik Akteure belohnen, die Innovationen aktiv angehen.

funkschau: Wo muss man also angreifen, wie könnten die bestehenden Hürden Ihrer Meinung nach überwunden werden?

Rong: Die Politik muss – wie vom Wähler gewünscht – eine aktive Rolle übernehmen. Zudem sollte das erklärte Ziel der Digitalisierung durch die entsprechenden Mittel unterfüttert sein. Hier sind sowohl die deutschen Krankenhäuser zu nennen, die bedingt durch ihre wirtschaftliche Situation einen Investitionsstau aufgebaut haben, als auch im ambulanten Bereich Arztpraxen, die oftmals nicht in der Lage sind, notwendige Investitionen allein anzustoßen.

Oliver Rong, Roland Berger Unternehmensberatung Bildquelle: © Roland Berger

Oliver Rong, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger

Politisch betrifft dies nicht nur die Bundes-, sondern auch die Landespolitik. Das muss nicht immer zwingend mehr Geld bedeuten, vielmehr geht es um eine zielgerichtete Förderung. Da auch im Gesundheitswesen überwiegend junge Unternehmen Innovationen antreiben, sollten die besonderen Anforderungen für Health-Care-Start-ups bei der laufenden Überprüfung und Justierung von Förderinstrumenten berücksichtigt werden. Das sind industriebedingt dann zum Beispiel große Zeitspannen von der Produktidee bis zur Markteinführung oder hohe regulative Anforderungen. Wenn dann noch die Krankenkassen unternehmerischer agieren dürfen, sind wesentliche Zukunftsvoraussetzungen erfüllt.

funkschau: Wie kann darauf aufbauend eine effektive E-Health-Strategie aussehen, die auch Unternehmen unterstützt?

Rong: Eine E-Health-Strategie darf kein Einzel-Ressort-Thema sein, sondern muss vom Bundeskanzleramt zentral koordiniert und federführend gesteuert werden. Außerdem müssen mindestens die Ministerien für Gesundheit (BMG), Wirtschaft (BMWi), Forschung (BMBF) sowie die zentralen Verbände der Gesundheitswirtschaft in die Erarbeitung eingebunden werden. Nach unserer Auffassung muss dies über die zentralen, auch im Koalitionsvertrag definierten Zukunftsziele von der politischen Seite getrieben werden. Die Entwicklung eines klaren E-Health-Zielbildes unter Einbeziehung aller Beteiligten, welches die sektoralen Brüche zwischen stationärer und ambulanter Versorgung auflöst und den Patienten in den Mittelpunkt stellt, ist zu empfehlen. Eine E-Health-Strategie kann sich dann aus diesem Zielbild ableiten und muss technologische Trends aufgreifen, Experimentierfelder schaffen, Umsetzungsanreize definieren und insgesamt mehr Mut auslösen. Besonders wichtig ist der Pilotierungsgedanke. Nur wenn wir im Doing lernen, werden wir schneller erkennen können, was funktioniert und was nicht. Unternehmen erhalten so verlässliche Rahmenbedingungen, die für notwendige Investitionen erforderlich sind. Darüber hinaus können die Unternehmen sich in konkrete Umsetzungsthemen einbringen und der ganze Prozess beschleunigt sich.

funkschau: Woran könnte es liegen, dass die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens momentan dennoch stagniert?

Rong: Die Gründe dafür sind vielfältig. Es gibt nicht den „einen“ Grund. Auf der einen Seite sind fehlende Rahmenbedingungen und Standards auf technologischer Ebene ursächlich. Weiterhin mangelt es vielen Akteuren an Investitionsmitteln und dem unternehmerischen Mut, Digitalisierungsprojekte gegenüber anderen Projekten zu priorisieren. Das ist zum Teil dadurch erklärbar, dass es eine hohe Unsicherheit zur Zukunftsfähigkeit von Lösungen gibt und kein Akteur auf das falsche Pferd setzen will. Ein weiterer Erklärungsbaustein liegt in der grundsätzlichen Regulierungsstruktur des deutschen Gesundheitswesens. Ohne eine Wertung vorzunehmen, ist hier zu sagen, dass sehr viele Akteure in die Diskussionen einbezogen werden und dies die Geschwindigkeit nicht erhöht. Jedenfalls brauchen wir insgesamt mehr Mut und Entscheidungsfreude in der Umsetzung – dazu gehört auch, dass ein Projekt einmal scheitert. Allein Lerneffekte daraus werden die Qualität nachfolgender Projekte massiv verbessern.

Hintergrund: Geringe Investitionen in Digitalisierung
Im Auftrag des Industrieverbandes Spectaris und der Messe Düsseldorf befragte Roland Berger für die Studie „Gesundheit 4.0“ mehr als 200 Medizintechnikunternehmen aller Größen. Laut der Unternehmensberatung müsse das deutsche Gesundheitswesen digitaler werden, um die Chancen für eine bessere Patientenversorgung und mehr Effizienz in Krankenhäusern und Unternehmen im Gesundheitswesen nutzen zu können. Zwar soll die Medizintechnikbranche bereits auf jetzigem Stand in den kommenden Jahren ein enormes Potenzial entfalten, mit den geeigneten politischen Rahmenbedinungen könnte dieses aber noch deutlich größer sein – führend sind in diesem Feld derzeit andere EU-Länder. Dabei ist die Nachfrage im Markt bereits gegeben. Die befragten Unternehmen halten vernetzte Krankenhäuser, die elektronische Patientenakte, Sensorik, Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) in vielen Fällen für sehr relevant und erproben diese teilweise schon. Die Studie kam allerdings auch zu dem Ergebnis, dass nicht einmal 30 Prozent der Medizintechnik-Unternehmen und Krankenhäuser mehr als 2,5 Prozent ihres Umsatzes in Digitalisierungsprojekte investieren. Zudem stufen zwei Drittel der Teilnehmer die Gesundheitswirtschaft als gering digitalisiert ein und fast alle der Befragten (98 Prozent) wünschen sich Unterstützung von der Politik.