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Fantasy-Serie im Realitäts-Check: Game of Thrones: Hat Westeros das Zeug zum Silicon Valley?

Die achte Staffel von "Game of Thrones" bricht alle Rekorde und teilt die Menschheit in diejenigen, die sich ausgegrenzt fühlen, und diejenigen, die Angst vor Spoilern haben. Welche Rolle aber spielen Entrepreneurship und Innovation in Westeros? Prof. Franke hat dies genauer untersucht.

Kit Harington als Jon Schnee und Emilia Clarke Daenerys Targaryen in einer Folge der achten Staffel der Serie »Games of Thrones« Bildquelle: © dpa-Bildfunk

Blick in eine verheißungsvolle Zukunft? Kit Harington als Jon Schnee und Emilia Clarke als Daenerys Targaryen in einer Folge der achten Staffel der Serie "Games of Thrones".

Prof. Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation, hat sich anstelle der 3D- die Innovations-Brille aufgesetzt und die letzten sieben Staffeln einer fundierten Untersuchung unterzogen. Sein Fazit: Sowohl Entrepreneurship als auch Innovation sind unterentwickelt – mit eindeutig negativen Wohlfahrtseffekten für die Bevölkerung von Westeros. Warum das so ist, verrät die folgende Analyse:

Autor George R.R. Martin und den Machern der Serie ging es darum, die weitverzweigte Geschichte in eine Art neu geschaffenes Fantasieuniversum einzubetten. Es enthält nicht nur eigene Naturgesetze (wie die unregelmäßigen Winter), sondern auch eine eigene Geographie (illustriert durch Landkarten), Vorgeschichten, eigene Technologie, Kultur, Religionen und Sozialsysteme.

Westerosi sind Innovationsmuffel
Innovation ist in Westeros eher ein Randphänomen. Fortschritt und Wohlstand sind entsprechend unterentwickelt. Nur in zwei Bereichen kommt es zu gewissen Neuentwicklungen.

1. Waffen und Militärtechnik
Der erste ist das weite Feld von Waffen und Militärtechnik, was in einer Welt von Kriegen und Schlachten nicht verwundern kann. Das dominante Entstehungsprinzip ist modern: Neuerungen werden durch die Nutzer selbst geschaffen, nicht durch spezialisierte Unternehmen, die von der Skalierung kommerziell profitieren. Der Einsatz von Seefeuer in der Schlacht am Schwarzwasser oder zur Sprengung der Septe (durch die Lead User Tyrion und Cersei), die Identifikation von Drachenglas als Mittel gegen die lebenden Toten, Qiburns Riesenarmbrust als Mittel der Drachenabwehr sind Beispiele für Open and User Innovation. Sie werden „by doing“ durch diejenigen erfunden, die durch die Nutzung der Innovation im Eigengebrauch motiviert sind. Am Ende der siebten Staffel gelingt dem Nachkönig die womöglich radikalste Service-Innovation: Die Zerstörung der Eismauer durch einen (gen-?) manipulierten Drachen.

Man darf jedoch nicht übersehen, dass auch im Bereich der Militärtechnik eine innovationsfeindliche Haltung deutlich wird. Der größte Teil der Waffensysteme ist offenbar Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alt. State-of-the-Art sind Schwerter aus Valyrischem Stahl, die vor Jahrhunderten geschmiedet wurden. Als neutraler Betrachter fragt man sich, warum die Akteure nicht mehr geistige Energie in die Entwicklung neuartiger Waffen investieren, wenn ihnen diese Produktkategorie schon so wichtig ist. Es wäre beispielsweise naheliegend, die Drachen mit dem Seefeuer als eine Art Bombenflugzeug einzusetzen. Die Wirksamkeit von Feuer als Mittel gegen das Heer der Toten wurde – User Innovation – ja bereits entdeckt. Auch der Gebrauch von Drachenglas als Schrotgeschoss bietet sich an, immerhin scheint es eine hochwirksame Zerstörungskraft in Bezug auf den Hauptfeind zu besitzen. Und was machen die Waffenproduzenten? Statt auf den Distanzkampf zu setzen, schmieden sie Äxte aus Drachenglas. Offenbar fehlt es an Phantasie zu solchen Schumpeter’schen Neukombinationen. Festzustellen ist natürlich außerdem, dass Waffeninnovationen allenfalls indirekt zum Wohlstand einer Gesellschaft beitragen können (etwa als Mittel der Friedenssicherung oder zur Abwehr einer externen Bedrohung, im Fall von Westeros der Invasion der lebenden Toten). Ihr primärer Zweck ist Zerstörung und Vernichtung – das Gegenteil von Fortschritt.

2. Sozialinnovationen
Robert's Rebellion stellt die dynastisch geprägte Herrschaftswelt fundamental in Frage und kann als Disruption gelten. Die Kräfte der Restauration scheinen jedoch spätestens seit seiner Ermordung in Staffel 1 zu überwiegen. Nachhaltiger wirken die Sozialinnovationen von Daeneris Targayen. Sie schafft das Sklavensystem auf Essos erfolgreich ab und meldet als erste weibliche Herrscherin Ambitionen auf den Eisernen Thron an. Interessant ist, dass die letztgenannte Innovation der Emanzipation sofort diffundiert: Cersei ist als gegenwärtige Regentin auf dem Eisernen Thron „Fast Follower“ und in einem weiteren Sinne folgen auch Arya, Brienne, Sansa, Asha und die Martell’schen Vipern im Verlauf der Serie dem von ihr gesetzten Trend und brechen die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter in Westeros auf.

Aber die Innovationen sonst? Eher Kleinigkeiten. Interessanterweise sind auch der neuartige Sattel und der Rollstuhl für den querschnittgelähmten Bran User Innovationen. Der praktische Aufzug auf die Eismauer wurde möglicherweise ebenfalls durch die Nachtwache geschaffen. Man erfährt allerdings kaum etwas über die technologisch sicherlich interessanten Antriebsmotoren und deren Energiespeichersystem.