Sie sind hier: HomeTelekommunikation

Digitalisierung im Kfz-Aftermarket: Das Rad neu erfinden

Fortsetzung des Artikels von Teil 1.

Sinkender Bedarf an Ersatzteilen absehbar

Wertschöpfungskette Kfz-Teilemarkt Bildquelle: © Turbine Kreuzberg

Der Kfz-Aftermarket gliedert sich in zwei Stränge: Zum einen das OEM-Segment, was dem markengebundenen Händler- und Vertragswerkstättennetz entspricht. Zum anderen der unabhängige Markt freier Werkstätten (IAM).

Als Konsequenz dieser „vorausschauenden Wartung“ wird der Teilebedarf sinken. Was besser gewartet wird, muss seltener ersetzt werden. Die für solche Dienste erforderlichen IoT-Systeme könnten Großhändler im Gegenzug ihren Werkstattkunden als Komplettlösung samt Wartung und Schulung anbieten – und so mit Service statt mit Autoteilen Erlöse erzielen. Zusätzlich entstehen schon heute neue Geschäftsfelder. So verlangt BMW für die Nutzung von Apple Carplay eine Abogebühr. Der VW-Konzern wird für die nächste Generation seiner Fahrzeuge, die über eine eigene SIM-Karte verfügen wird, einen eigenen App-Store anbieten.

Wie viele Autoteile ersetzt der 3D-Drucker?
Die OEM sind bei der IoT-Integration hier im Vorteil, denn sie verfügen über die Systemhoheit über die digitale Infrastruktur im Fahrzeug. Vorreiter war der US-Elektroautohersteller Tesla, der alle Software-Updates online „over the air“ durchführt. Eine weitere Disruption entsteht im Herstellungsprozess von Autoteilen und zwar durch den Druck von Autoteilen im 3D-Drucker. Bei entsprechender Verbreitung dieser Drucker könnte künftig statt des physischen Kotflügels die Drucklizenz für den Kotflügel zur Ware werden.

Elektromobilität verringert mittelfristig Wartungsbedarf
Strom oder Benzin? Was ein Auto antreibt, hat weitreichende Folgen für den Kfz-Aftermarket. Zunächst für den Teile- und Wartungsbedarf, denn Verschleißteile wie Zahnriemen oder Zündkerze existieren in Elektromotoren nicht. Diese sind langlebiger und wartungsärmer als Verbrennungsmotoren. Zum Ausgleich erfordert die Hochvolt-Technik neue Inhalte und Standards. Vor allem kleine Werkstätten sind heute oftmals nicht berechtigt, Elektroautos zu warten. Erringt das Elektroauto die Markthoheit, könnte die Luft für klassische „Schrauberbuden“ dünner werden. Die gute Nachricht für die Kfz-Aftermarket-Branche: Sie hat noch etwas Zeit. Die Brückentechnologie in die Elektromobilität bilden technisch hochkomplexe Hybridantriebe, in denen gleich zwei Antriebssysteme stecken. Die Nachfrage nach Ersatzteilen könnte also zunächst sogar steigen.

KI: Das autonome Auto wird ein Flottenfahrzeug
Bis das selbstfahrende Auto den Massenmarkt erreicht, wird noch rund eine Dekade vergehen, aus technischen, rechtlichen und aus preislichen Gründen. Wenn statt des Fahrers aber die Künstliche Intelligenz (KI) als Schnittstelle komplexer Sensorik, hoher Rechenleistung und hochgenauer Echtzeit-Navigation das Steuer übernimmt, muss sich auch die Kfz-Aftermarket-Branche darauf einstellen. Allein aus Kostengründen werden diese Fahrzeuge seltener in Privatbesitz sein als heutige Autos und damit eine längst stattfindende Disruption beschleunigen: Vor allem in Großstädten ersetzen Mobilitätsdienstleistungen bereits zunehmend das Privatauto. Damit verschiebt sich der Bedarf an Ersatzteilen vom Endkunden zu Flottenbetreibern – mit entsprechenden Margeneinbrüchen. Zusätzlich wird die Unfallhäufigkeit mit zunehmender Verbreitung selbstfahrender Autos deutlich abnehmen. Servicebetriebe werden bei Roboterwagen in Zukunft eher digitale KI-Systeme warten als Beulen auszubessern.

Reflektieren des Geschäftsmodells
Die Digitale Transformation beeinflusst den Kfz-Aftermarket potenziell also auf vielen Ebenen – und trifft in Europa auf eine fragmentierte Branche. Während die drei größten europäischen Marktteilnehmer erst 15 Prozent des Marktes abbilden, sind es in den USA fast 50 Prozent. Dabei stellt die Digitalisierung den Marktteilnehmern in beiden Fällen die gleichen Aufgaben. Welche, das lässt sich an bereits stärker digitalisierten Branchen ablesen, etwa dem Bankenwesen oder der Telefonbranche. Serviceorientierte Dienstleistungen treten an die Stelle tradierter Lieferketten. Der Kunde und seine Bedürfnisse rücken in den Mittelpunkt neuer Erlösmodelle. Big Data und Internet of Things ermöglichen neue Geschäftsfelder – bisherige werden schrumpfen oder entfallen. OEM wie freie Marktteilnehmer tun also gut daran, ihr Geschäftsmodell zu reflektieren und technologisch auf dem Laufenden zu bleiben, um die neuen Transformationsprozesse als Chancen zu nutzen.

Daniel Nill, CEO bei der Digitalagentur Turbine Kreuzberg