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Neue Arbeitswelt: Wunsch und Wirklichkeit

Nicht jeder Mitarbeiter wünscht sich mehr Flexibilität und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, stattdessen regt sich Widerstand gegen das Zukunftskonzept "New Work" – der verdeutlicht, wie komplex die Digitalisierung der Arbeitswelt ist und wie drastisch der damit einhergehende Kulturwandel ausfällt.

Baukasten Bildquelle: © Norbert Preiss - funkschau

„Die selbstbestimmte Gestaltung des Alltags tritt an die Stelle einer starren Verteilung von Arbeits- und Privatleben“, beschreibt Microsoft auf seiner Website das eigene Arbeitsmodell namens „Work-Life-Flow“ und veranschaulicht in München Schwabing gleich am eigenen Unternehmen, wie sich diese Theorie in die Praxis umsetzen lässt. Hier, in der Deutschland-Zentrale des Software-Konzerns in der Walter-Gropius-Straße 5, gilt der Vertrauensarbeitsort. Sprich: Microsoft-Mitarbeiter können frei entscheiden, ob sie im Home-Office, von unterwegs oder im Büro arbeiten möchten. Anwesenheitspflicht gibt es nicht, ausreichend Arbeitsplätze für alle Kollegen ebenfalls nicht. Sollten sich eines Tages doch einmal alle Mitarbeiter für das Schwabinger Büro entscheiden, wird es eng.

Mit Work-Life-Flow will Microsoft „die Vision der neuen Arbeitswelt“ umsetzen, Freiräume eröffnen. „Wir sehen, dass die selbstbestimmte Gestaltung des Alltags mit fließenden Übergängen zwischen Arbeit und Privatem anstelle einer starren Verteilung die Lebenswirklichkeit unserer Mitarbeiter besser abbildet“, erklärte Sabine Bendieck, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, im Rahmen der Eröffnung der neuen Zentrale. „Wir ermöglichen ihnen damit mehr Flexibilität bei der Organisation des privaten und familiären Alltags.“

Microsoft avancierte zusammen mit anderen US-IT-Riesen wie Google, Apple und Amazon in den vergangenen Jahren zu einem Leitbild der modernen Arbeitswelt. Sie stehen für das nahtlos umgesetzte Konzept „New Work“, das vor allem flexibel, individuell und unabhängig von klassischen Arbeitsorten sowie -zeiten ist – und nicht zuletzt ein Musterstück der Digitalisierung darstellt. Immerhin wird hier auf den ersten Blick ersichtlich, wie massiv sich hoch technisierte Werkzeuge auf das Berufs- wie auch das Privatleben auswirken können.

Für einen großen Teil der IT-Branche gibt es an diesem Zukunftskonzept kaum Zweifel, und voraussichtlich auch die wenigsten Anwender würden konkret gegen mehr Flexibilität, Agilität und Selbstbestimmung argumentieren. Dass zwischen Wunsch und Wirklichkeit aber teils noch ein enormer Graben klafft, erklärt SThree-Geschäftsführer Timo Lehne im Gespräch mit funkschau. „New Work läuft Gefahr, in den Köpfen vieler Mitarbeiter eher negativ behaftet zu sein“, wie aus einer Mitte des Jahres durchgeführten repräsentativen Befragung des Personalberatungsunternehmens unter mehr als 1.500 Arbeitnehmern und Freelancern hervorgeht. Wo Microsoft von Work-Life-Flow spricht, nennt es Lehne „Work-Life-Integration“, die nicht mehr abgegrenzte Vermischung von Arbeits- und Privatleben: “Wichtig ist die Frage, wie beide Welten am besten integriert werden können.“

„Das sehen viele Mitarbeiter eher negativ“

Warum ein auf den ersten Blick so modernes und von vielen Unternehmen positiv bewertetes Konzept auf Kritik und Ablehnung stößt, zeigt sich in den Zahlen der Studie. Demnach steigen die Anforderungen an die Mitarbeiter in der neuen Arbeitswelt teils drastisch, 77 Prozent der Befragten fühlen sich unter Druck gesetzt – meist von ihrem Chef oder von sich selbst. Das hängt laut Lehne auch mit der Digitalisierung zusammen, denn die ermögliche zwar mehr Freiheiten, erhöhe aber auch den Druck. „Arbeitgeber denken immer, dass sie damit etwas Gutes tun würden. Das ist aber nicht immer so“, sagt der SThree-Geschäftsführer. „Mehr Freiheit ist gut. Sofern es dennoch mit klaren Strukturen und Weisungen einhergeht.“

Schon jetzt leisten deutsche Arbeitnehmer deutlich mehr, als in ihren Arbeitsverträgen festgelegt ist. 70 Prozent der Befragten machen demnach regelmäßig Überstunden, mehr als die Hälfte überschreitet dabei teils die gesetzlich vorgeschriebene maximale Tagesarbeitszeit von zehn Stunden. Diese Zahl sei bereits bedenklich, so Lehne. „Jedoch zeigt sich obendrein: Bei 71 Prozent weiß der Chef meist oder sogar immer darüber Bescheid.“