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Adieu, analoges Festnetz: All-IP – ungeliebte Evolution

Der Abschied von ISDN fällt vielen Privat- und Geschäftskunden schwer. Immerhin blickt das Telefonnetz hierzulande auf eine lange Geschichte, die nicht zuletzt von Stabilität geprägt ist. Der Wechsel auf IP kommt aber genau zur richtigen Zeit und stellt den logischen nächsten Schritt dar.

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Matteo Andrea Ostermeier, Product Manager Fixed Connectivity, B2B, Telefónica Bildquelle: © Telefónica

Matteo Andrea Ostermeier, Product Manager Fixed Connectivity, B2B, Telefónica: „Bei allen Vorzügen von All-IP sollten sich Unternehmen im Klaren sein, dass bei einer reinen IP-Lösung auch Stolperfallen existieren.“

In den kommenden Jahren wird eine Ära zu Ende gehen. Die Deutsche Telekom und ihre Mitbewerber schalten das analoge Festnetz und damit die ISDN- und Analog-Anschlüsse ab, um in Zukunft eine gebündelte Infrastruktur auf Basis von IP zu betreiben und Dienste wie Telefonie ebenfalls über das Internet zu leiten. „Das Internet Protocol – kurz IP – ist der Standard für den Datenverkehr in Netzwerken“, erklärte Telekom-Vorstandsvorsitzender Timotheus Höttges zum Abschluss des Geschäftsjahres 2014. „Er sorgt dafür, dass sozusagen alle Geräte miteinander ‚sprechen‘ können und damit die verschiedensten Inhalte wie Text, Sprache oder Musik auf nahezu allen Endgeräten verfügbar werden.“ Außerdem vereinfache ein einheitliches IP-Netz die Netzstruktur stark.  „Neue Dienste werden dann viel schneller auf den Markt gebracht. Wir können also sehr viel schneller auf die Bedürfnisse unserer Kunden reagieren“, so Höttges weiter.

Netzbetreiber in der Kritik

Einen für die Telekom wahrscheinlich nicht unwesentlichen Punkt zählte Höttges ebenfalls auf: „IP-Netze sind sehr viel effizienter. Wir sparen also Geld, das wir dann wieder in Innovationen investieren können.“  Ein leistungsfähige Infrastruktur, welche die Weichen für moderne Kommunikation stellt und verschiedene Kanäle vereinheitlicht – und doch folgte kein Freudenschrei, als die Telekom ankündigte, auf All-IP zu migrieren und das analoge Netz zu Grabe zu tragen. Ganz im Gegenteil wurde viel Kritik am Carrier geübt. Besonders sein Vorgehen, sukzessive Verträge von Privatkunden zu kündigen und damit einhergehend neue IP-Anschlüsse anzubieten, stand oftmals im Mittelpunkt der Diskussion. Aber auch die Technologie selbst wurde bemängelt. IP sei unzuverlässig, habe Sicherheitslücken und spiele in Hinblick auf die Sprachqualität nicht in einer Liga mit seinen Vorgängern, hieß es von vielen Seiten. Hinzu kam, dass Privat- und Geschäftskunden teils erhebliche Investitionen tätigen müssen, um Hardware wie Telefone und TK-Anlagen für den Umstieg zu rüsten, immer mit einer gewissen Unsicherheit, ob auch Geräte wie Fax oder Alarmanlagen anschließend ihren Dienst tun werden. „Soderanschaltungen wie EC-Cash, BMA, EMA, Aufzugs-Notruf und andere sind beim Umstieg auf All-IP ganz besondere Herausforderungen“, sagt Jörg Nüsken, Business Development Manager bei Ferrari Electronic. „Viele dieser Lösungen sind per ISDN angeschaltet und unterliegen oftmals gesetzlichen Regularien.“ Und die Telekom lege die Verantwortung hier in die Hände der Diensteanbieter.

1989/2018

Verwunderlich ist der schwere Abschied nicht, ist das analoge Telefonnetz in verschiedenen Versionen in Deutschland doch seit über einem Jahrhundert im Einsatz. Die Digitalisierung der Vermittlungstechnik, das Integrated Services Digital Network, folgte dann bundesweit 1989 und galt im internationalen Vergleich als enormer technischer Sprung, immerhin wurden auch mit dieser Einführung verschiedene Dienste wie Telefonie und Fax über ein Netz zusammengefasst.

In den kommenden Jahren wiederholt sich dieser Schritt, parallele Infrastrukturen zu einem Netz zusammenzufassen, das alle Aspekte abdeckt. „IP ist nicht modern, es ist der unverzichtbare Bestandteil der Digitalisierung und die Brücke aller Transformationsprozesse in die neue Welt“, konstatiert Jürgen Städing, Chief Product Officer bei Nfon. „IP ist und muss eine Selbstverständlichkeit sein.“ Und eins werde mit dem Blick in die Historie deutlich: „TCP/IP ist nicht viel jünger oder älter als ISDN, beides entstand parallel, fast gleichzeitig.“ TCP/IP ist in den 70er-Jahren entstanden, ISDN steht seit den früheren 90er-Jahren in Deutschland zur Verfügung. „Die spätere Markteinführung von TCP/IP hat ihm offensichtlich nicht geschadet“, so Städing.

Parallelen zwischen ISDN und IP gibt es auch bei der Diskussion um die Sicherheit der Netze. So trommelten unter anderem Die Grünen vor rund 30 Jahren gegen die Einführung von ISDN. „Die Grünen unterstützen den Widerstand gegen IuK-Techniken (Informations- und Kommunikationstechnik“, hieß es im Wahlprogramm 1987. Die Partei sprach sich unter anderem gegen die Digitalisierung des Fernsprechnetzes als auch gegen Glasfaserverkabelung aus, da sie eine zunehmende Kontrolle befürchteten.