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Die Digitale Sirene

14. Mai 2020, 16:12 Uhr   |  Autor: Andreas Junck / Redaktion: Diana Künstler

Die Digitale Sirene
© Tashalex / 123rf

Unwetter, Großbrand, giftige Wolke oder Terroralarm: Wenn eine Situation gefährlich ist, müssen die Menschen gewarnt werden. Heutzutage gibt es verschiedene Möglichkeiten der Alarmierung. Aber nur ein digitaler Ansatz gewährleistet ein modernes Krisenmanagement.

Ein Sturm kommt, ein Damm bricht, ein Atomkraftwerk geht hoch, ein terroristischer Angriff erfolgt – und niemand kriegt es mit? Der Albtraum für alle Verantwortlichen im Krisenmanagement. Im Notfall zählt jede Minute, jede Verzögerung kann Leben kosten. Eine rechtzeitige Alarmierung der Menschen im betroffenen Gebiet ist deshalb entscheidend. Früher haben diese Aufgabe in Westdeutschland rund 86.000 Sirenen übernommen, zumeist installiert auf Schul- und Behördendächern. Das einst flächendeckende Netz war nach dem Ende des Kalten Krieges scheinbar sinnlos geworden und wurde – weil die Instandhaltung teuer ist – größtenteils abmontiert. Nur im Umkreis von Atomkraft- und Chemiewerken, an der Küste in Sturmflutgebieten und vereinzelt in den Städten gibt es diese Alarmanlagen noch, ihre Zahl sank zwischenzeitlich bundesweit auf nur noch 30.000.

Zwar findet mancherorts ein Umdenken statt und Gemeinden reaktivieren das Sirenensystem als zusätzliches Warnmittel. Ob diese Entscheidung im Falle einer Katastrophe die richtige ist, darüber kann man diskutieren. Die Bedeutung der unterschiedlich lang auf- und abschwingenden Töne kennen heute viele nicht mehr. Ohne regelmäßige Alarmübungen wäre die Bevölkerung also kaum in der Lage, richtig auf das jeweilige Sirenensignal zu reagieren. Deshalb mussten sich die Sicherheitsbehörden für den Notfall bislang vor allem auf Radio und Fernsehen verlassen, diese erreichen allerdings im digitalen Zeitalter immer weniger Menschen. Selbst Feuerwehrleute und Rettungskräfte werden schon lange nicht mehr per Sirene zur Wache oder dem Einsatzort gerufen, sie erhalten den Alarm per Funk oder SMS.

Apps sollen das Problem lösen
Wie also werden die Deutschen heute informiert, falls es ernst wird? Wenn ein Hochwasser Gebiete bedroht, sich eine Giftwolke ausbreitet oder ein Terroranschlag die Infrastruktur des Landes zerstört? Kostenlose Warn-Apps für das Smartphone sind eine Möglichkeit. Die zwei größten sind Nina und Katwarn. Nina steht für „Notfall-Informations- und Nachrichten-App“ und wird seit dem Sommer 2015 vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe betrieben. Der offizielle Informationskanal des Bundes für Smartphone-Nutzer basiert auf dem satellitengestützten modularen Warnsystem, über das zum Beispiel auch Radiosender offizielle Meldungen erhalten. Der Bund, der nur bei großen nationalen Gefahrenlagen einen Alarm herausgibt, hat das System den Ländern zur Verfügung gestellt. Sie sind für Notfälle aus dem Bereich des Katastrophenschutzes, etwa Unwetter und Hochwasser, zuständig und können eigenständig über Nina alarmieren. In manchen Bundesländern informiert die App zudem per Push-Nachricht auch vor lokal begrenzten Gefahren wie der Entschärfung von Weltkriegsbomben.

Die App Katwarn wurde 2009 vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme im Auftrag öffentlicher Versicherer entwickelt. Bundesweit bekannt wurde Katwarn, als die Münchner Bevölkerung am Abend des 22. Juli 2016 über die App auf dem Laufenden gehalten wurde: Ein 18-jähriger Schüler tötete neun und verletzte fünf Menschen. Nutzer werden dabei nicht nur per Push-Nachricht auf ihrem Smartphone gewarnt, sondern können sich auch für SMS oder E-Mail registrieren. Wie Nina gibt Katwarn bundesweit Warnungen des Deutschen Wetterdienstes heraus, die zur Verfügung stehenden Funktionen sind allerdings gleichfalls von der Region abhängig und damit sehr unterschiedlich. Während bei Nina keine zahlenmäßigen Begrenzungen für die abonnierbaren Orte bestehen, kann der Nutzer bei Katwarn nur eine begrenzte Anzahl an Postleitzahlen angeben, für die er gewarnt werden möchte. Das schränkt die Reichweite gerade in großen Städten mit vielen Postleitzahlen stark ein.

Gute Idee mit vielen Baustellen
Mit der Installation einer App ist es also nicht getan, zu sehr unterscheiden sie sich in der geografischen Abdeckung und den Notfällen, vor denen gewarnt wird. Da die Verantwortung für Warnungen in Deutschland je nach Gefahrensituation auf verschiedene Einrichtungen verteilt ist, muss also – wer auf Nummer sicher gehen will – mehrere dieser Notfallsysteme herunterladen. Und darin liegt das größte Manko: Jeder muss die App selbst installieren und die entsprechenden Funktionen einrichten. Stand heute hat aber nur ein Bruchteil der deutschen Bevölkerung eine entsprechende App auf seinem Mobilgerät. Von einer flächendeckenden Verbreitung kann damit keine Rede sein. Auch ausländische Besucher werden sich – abgesehen von den Sprachbarrieren – für ihren Urlaub oder ihrer Reise kaum vorher die passenden Notfall-Apps auf ihr Gerät herunterladen.

In Kürze: der EU-Alert

EU-Alert ist der Oberbegriff für den europäischen öffentlichen Warndienst, der auf der Cell-Broadcast-Technologie basiert. Das System stammt von dem aus den USA kommenden Wireless Emergency Alerts (WEA) ab, früher bekannt als Commercial Mobile Alert System (CMAS). Mobiltelefone mit den Betriebssystemen Android, iOS und Windows unterstützen seit 2012 standardmäßig EU-Alert/WEA/CMAS über Cell Broadcast für öffentliche Warnmeldungen.

Nachdem in vielen Ländern die Sirenen abgebaut worden waren, ergab sich die Notwendigkeit, die Bevölkerung auf andere Weise zu warnen. Dafür bieten sich allgegenwärtige Handys an. Der Rat der Europäischen Union passte im Dezember 2018 die neue Richtlinie zum europäischen Kodex für elektronische Kommunikation (European Electronic Communications Code, EECC) an. Entsprechend der neuen Richtlinie müssen alle EU-Mitgliedstaaten bis zum 21. Juni 2022 ein öffentliches Warnsystem zum Schutz der Bürger einrichten. Im Falle einer Naturkatastrophe, eines Terroranschlags oder eines anderen schweren Notfalls soll dieses System Warnungen an alle Mobiltelefone in einem bestimmten Gebiet senden. (DK)

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