Digitale Identitäten

Der digitale Reisepass

25. November 2022, 8:00 Uhr | AutorInnen: Lovro Persen und Anna Ludwiszewska / Redaktion: Diana Künstler | Kommentar(e)
Ausweis Reisen digital
© stockbroker/123rf

Entspanntes Reisen durch Verzicht auf Papierdokumente? Die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation ICAO hat das Konzept der digitalen Reisedokumente auf den Weg gebracht. Diese könnten künftig schnellere, komfortablere Kontrollen an Flughäfen und Grenzen ermöglichen.

Der Artikel beantwortet unter anderem folgende Fragen:

  • Wie sieht das von der ICAO entwickelte Konzept der digitalen Reisedokumente (Digital Travel Credentials, DTC) genau aus?
  • Welche Ausprägungen sind geplant?
  • Welche Vorteile bietet das Konzept?
  • Welche Anwendungsszenarien sind denkbar?
  • Welche Weiterentwicklungen sind angedacht?

Die letzten zwei Jahre haben unseren Alltag maßgeblich verändert. Das gilt auch für unseren Urlaub und die Sommerreisezeit: An den Flughäfen herrscht aktuell Chaos, die Warteschlangen bei Sicherheits- und Passkontrollen sind aufgrund des Personalmangels lang. Um diesem Problem entgegenzuwirken, hat die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) ein neues Konzept entwickelt1.  

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Die Idee des digitalen Reisepasses

Digital Travel Credentials
© IDnow

Die ICAO hat das Konzept der digitalen Reisedokumente (Digital Travel Credentials, DTC) entwickelt. Der DTC soll die neue digitale Reiseidentität darstellen – basierend auf den Standards der ICAO 9303. Der Plan: Die DTC ersetzen in Zukunft unsere bisherigen physischen Pässe. Gleichzeitig soll aber auch das Sicherheitsniveau der elektronischen, maschinenlesbaren Pässe (eMRTD) beibehalten und verbessert werden. Zudem sollen die DTC mit den bestehenden Kontrollsystemen kompatibel sein und ein einfacheres Reisen bei schnelleren Grenzkontrollen ermöglichen.

Dieses neue Konzept wird dabei in zwei Teile gegliedert: Auf der einen Seite gibt es die virtuelle Komponente (VC) – die auf einem Chip gespeicherten Daten. Auf der anderen Seite die physische Komponente (PC) – entweder der Reisepass an sich, ein Smartphone oder eine Smartwatch mit einer kryptografischen Verbindung zwischen VC und PC.

Die DTC-Infografik in der pdf Ansicht

DTC infographic 2 PDF

 

Die drei geplanten Arten des DTC:

1. DTC mit eMRTD: Dabei werden die Chipdaten aus dem herkömmlichen, physischen Reisepass (in diesem Fall die PC) gelesen, um die VC zu stellen.

2. DTC mit eMRTD-PC: Der Chip des Reisepasses wird ausgelesen und erstellt auch in diesem Fall die VC. Hier lässt sich ebenso ein anderes physisches Gerät (PC), wie Smartphone oder Smartwatch, zusammen mit dem eMRTD zur Sicherheitsüberprüfung verwenden. Bei dieser Methode gibt es keine zeitliche Begrenzung für die Ausstellung der DTC nach dem eMRTD.

3. DTC mit PC: Bei dieser Methode wird nur die physische Komponente verwendet – kein eMRTD. Die jeweils zuständige Behörde stellt die DTC aus, signiert ihn elektronisch und verbindet ihn mit einer physischen Komponente – beispielsweise mit dem Smartphone.

Der Weg zum digitalen Grenzübergang

Die Vorteile der digitalen Reiseausweise sind enorm: Das digitale Dokument lässt sich mit anderen Technologien kombinieren, so dass sich die Passagiere am Flughafen zwischen Check-in, Gepäckabgabe, Grenzkontrolle, Sicherheitscheck und Boarding frei bewegen können - ohne jemals ihr Reisedokument aus der Tasche nehmen zu müssen. Diese Vision einer automatisierten und komfortablen Identifizierung wäre für die Reisenden äußerst komfortabel. Zudem könnte diese Technologie die Passagierabfertigung an stark frequentierten internationalen Verkehrsknotenpunkten oder Grenzen beschleunigen und gelichzeitig die nötige Sicherheit gewährleisten.

Das Konzept der DTC entwickelt sich ständig weiter und wird zunehmend Realität. In den kommenden Jahren könnte die Entwicklung einer allgemein akzeptierten digitalen Identität den traditionellen Reisepass langsam ablösen. Dies wird das grenzüberschreitende Reisen mit jeder Fluggesellschaft und jedem Flughafen erleichtern. Gleichzeitig wird damit sichergestellt, dass der Reisende die vollständige Kontrolle über seine Identität behält und nur den zuständigen Stellen, wie den Grenzbehörden, verwertbare und vertrauenswürdige Daten zur Verfügung stellt. Die USA sind hier schon aktiv: Arizona unterstützt bereits offiziell die digitale ID und den mobilen Führerschein (mDLs) in der Apple Wallet. Zudem gibt es konkrete Pläne, die Unterstützung in diesem Jahr auf Connecticut, Iowa, Kentucky, Maryland, Oklahoma und Utah auszuweiten.

Bestehende Lösungen weisen den Weg

Lovro Persen und und Anna Ludwiszewska von IDnow
Die Autoren: Lovro Persen, Director Document Management & Fraud bei IDnow und Anna Ludwiszewska, Fraud Expertin bei IDnow
© IDnow

Im Reise- und Flugverkehr gibt es auch bereits in Europa fortschrittliche Technologien – beispielsweise automatisierte Grenzkontrollen (ABC). Dabei legen die Reisenden ihren Pass selbst in eine Vorrichtung, und eine Software verifiziert das Gesicht via Kamera. Solche Konzepte zeigen, dass neue Lösungen in der Lage sind, nationale und internationale Sicherheitsvorschriften einzuhalten. Mit den DTC lassen sich die Prozesse an Flughäfen künftig deutlich effizienter gestalten. Der Zeitaufwand bei Passkontrollen verringert sich, da Reisende damit in der Lage sind, die einzelnen Kontrollschritte bereits online durchzuführen – vom Check-in über die Sicherheitskontrollen bis hin zum Betreten des Flugzeuges.

1 https://www.icao.int/Meetings/TRIP-Symposium-2021/PublishingImages/Pages/Presentations/Digital%20Travel%20Credential%20%28DTC%29%20Policy%20and%20Guiding%20Principles.pdf


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