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funkschau Interview

"Wir werden noch einige Jahre auf ISDN-Equipment stoßen"

24. September 2019, 14:09 Uhr   |  Autor: Stefan Adelmann

© 123rf.com/Preiss

Viele Unternehmen betreiben ihre ISDN-TK-Systeme auch am IP-Anschluss weiter, da die Modernisierung der Infrastruktur kostenaufwendig und komplex ist. Im Interview erklärt Randolf Mayr von Bintec Elmeg, warum die Umstellung dennoch nötig ist und wie sie sich sicher und zuverlässig gestalten lässt.

funkschau: Herr Mayr, trotz Umstellung der Anschlüsse setzen zahlreiche Unternehmen auf Überbrückungslösungen, um ihre ISDN-TK-Anlagen auch am IP-Anschluss betreiben zu können. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Zurückhaltung in Hinblick auf Modernisierungsmaßnahmen?
Randolf Mayr: Hier lassen sich unterschiedliche Gründe ausmachen. Auf der einen Seite hängt die Entscheidung vielfach vom benötigten Invest ab. Hat ein Kunde eine ISDN-TK-Anlage gemietet oder bereits lange abgeschrieben, ist für eine Neuanschaffung meist einfacher zu argumentieren, als wenn die ISDN-Anlage noch recht neu ist und allen Anforderungen des Kunden genügt.

funkschau: Was sind weitere Gründe?
Mayr: Viele Unternehmen haben ihre TK-Umgebung tief in betriebsinterne IT-Abläufe und Prozesse integriert. Es sind funktionierende Lösungen installiert worden, die jetzt nicht nur aufgrund einer Änderung des physikalischen Sprachanschlusses umgeworfen werden sollen – vor allem, wenn sich die Gesamtlösung dadurch nicht verbessert.

funkschau: Die Überbrückung via Adapter oder Gateway ist in diesen Fällen eine schnelle und kostengünstige Alternative. Aber sicherlich bringt diese Strategie auch Nachteile mit sich?
Mayr: Mit den Lösungen, die wir unseren Kunden anbieten, zeigen wir immer einen Migrationsweg auf. Die Produkte sind so ausgelegt, dass wir neben der „Überbrückung“ auch die neuen Dienste parallel nutzen können und damit einen fließenden Übergang ermöglichen. Somit kann ein Kunde die bestehende Infrastruktur betreiben, solange es nötig ist und hat Zeit, neue Dienste einzuführen, und erst wenn diese sich bewähren, den alten Dienst abzustellen.

funkschau: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach also noch dauern, bis auch die „interne Umstellung“ der Unternehmen abgeschlossen sein wird, bis also kaum mehr ISDN-Lösungen im Einsatz sein werden?
Mayr: Da bis vor kurzer Zeit immer noch ISDN-Anlagen verkauft wurden, werden wir in der langlebigen TK-Welt noch einige Jahre auf ISDN-Equipment stoßen. Die Länge der Übergangszeit wird sicher auch davon abhängen, wie viele Vorteile man mit modernen Lösungen gegenüber der alten Technologie herausarbeiten kann.

Randolf Mayr Bintec Elmeg ISDN IP-Umstellung
© Bintec Elmeg

Randolf Mayr, Produktmanagement bei Bintec Elmeg

funkschau: Viele Unternehmen zögern die Migration nicht zuletzt hinaus, da es durchaus zu Störungen kommen kann. Wie ist Ihre Erfahrung, verlaufen die Umstellungen zumeist reibungslos?
Mayr: Wenn die Umstellung von geschultem Personal erfolgt und technische Fettnäpfe ausgelassen werden, übertrifft die neue Technologie die alten Standards und ist stabil.

Ein Beispiel für technische Fettnäpfchen sind Grundlagen wie die Verwendung von am Anschluss zertifizierten Geräten und die Beachtung technischer Grundlagen. Zum Beispiel eine Registrierung erfolgt nicht über DNS-Name oder IP-Adresse und SIP Port, sondern über NAPTR und SRV-Abfragen – da vor allem große Provider nicht nur über einen Registrar verfügen, sondern ganze Farmen haben und die angeforderten Dienste für eine einwandfreie Funktion gezielt abgefragt werden müssen.
Generell sind Kunden auch verunsichert, da die VoIP-Verträge an den Internetzugang gekoppelt sind und die vertraglich zugesicherte Verfügbarkeit dort weitaus schlechter ist als bisher bei ISDN. Zwar können Geschäftskunden meist auf verbesserte Entstör-Zeiten vertrauen, dennoch steigert das das Vertrauen in die Zuverlässigkeit nicht.

funkschau: Wie steht es denn um Zuverlässigkeit und Sprachqualität? Noch vor einigen Jahren stand VoIP in der Kritik. Ist die Technologie mittlerweile auf Augenhöhe mit ISDN?
Mayr: VoIP bietet inzwischen über den gesamten Kommunikationsweg bessere Sprachqualitätsstandards als ISDN. Moderne Codecs übertragen wesentlich höhere Sprachbandbreiten, ohne dass sich dabei der Bedarf an IP-Bandbreite im gleichen Maß erhöht.

Die Zuverlässigkeit wird aktuell nicht erreicht, oder zumindest nicht garantiert. Das liegt aber nicht an VoIP, sondern an der für VoIP zugrundeliegenden WAN-Technik. Zwischen der mit 99 Prozent gewährten Verfügbarkeit von ISDN und den circa 97 Prozent Verfügbarkeit – je nach Provider –  der Internetleitungen liegen Welten. Das bedeutet, einem möglichen Ausfall der Telefonie von fünf Minuten pro Jahr stehen elf Tage gegenüber.

funkschau: Nicht zuletzt ist auch der Schutz vor Cyber-Angriffen ein wichtiger Aspekt der Zuverlässigkeit. Sind sich Unternehmen über die neuen Sicherheitsanforderungen von All-IP bewusst und setzen beispielsweise Session Border Controller (SBC) ein?
Mayr: Das ist je nach IT-Affinität der jeweiligen Firma sehr unterschiedlich. Viele Firmen telefonieren immer noch nicht über verschlüsselte Leitungen, kaum einer dieser Anwender würde aber auf Homebanking via http vertrauen.
Eine VoIP-Lösung wird nicht nur durch den Einsatz von SBC sicher. Es gibt durchaus viele, den aktuellen Anforderungen genügende Lösungen am Markt. Wir als Bintec Elmeg setzen unsere SBC-Lösungen hauptsächlich aus Kompatibilitätsgründen ein. Nicht jede auch sehr moderne VoIP-Lösung unterstützt alle technischen Voraussetzungen vieler Provider, vor allem, wenn diese Wert auf Sicherheit legen.

Sicherheit hat ja einige Facetten wie Ausfallsicherheit, Abhörsicherheit, Einbruchsicherheit, Sprachqualität, um den gesprochenen Inhalt sicher zu transportieren, und einiges mehr. Um einen Kunden zufriedenzustellen, gibt es nicht eine Lösung, wichtig ist es, auf die speziellen Bedürfnisse des Kunden einzugehen und seine Anforderungen in den Vordergrund zu stellen.

funkschau: Was raten Sie also, um eine höchstmögliche Sicherheit und Ausfallsicherheit der IP-Infrastruktur zu erreichen? Lassen sich hier allgemeine Maßnahmen definieren?
Mayr: Bei der Ausstattung von Sicherheitsleitstellen haben wir andere Vorgaben als von unseren anderen Geschäftskunden. Erhöhte Sicherheit ist, wenn man alle Fehler umgeht, teuer.

Doppelte Internetzugänge, wenn möglich mit unterschiedlicher Physik und über unterschiedliche Zugangswege. DSL und Glasfaser am Router sind gut, aber nicht vorteilhaft ist es, wenn beide am selben DSLAM terminieren.

Redundanz der hausinternen Infrastruktur, zum Beispiel über STP (Spanning Tree Protocol) hilft nicht, wenn es bei einem Stromausfall keine USV für das Netz gibt. Der Notruf bei analogen und ISDN-Anschlüssen war auch in diesem Fall gewährleistet. Auch hier ist es wichtig, gezielt auf Kundenwünsche einzugehen.

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