Mobiles Arbeiten startet durch

Es metaverselt

6. Dezember 2021, 13:07 Uhr | Autor: Wilhelm Greiner | Kommentar(e)

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Snow Crash

In „Snow Crash“, Neal Stephensons SciFi-Kultroman von 1992, muss der Held und Protagonist Hiro Protagonist (ja, er heißt so) zusammen mit der Teenagerin Y.T. in bester James-Bond-Manier das Weltherrschaftskomplott eines Medienmoguls stoppen. Anders als Agent 007 jetten sie aber nicht werbewirksam von Fernreiseziel zu Fernreiseziel: Teils schlagen sie sich durch ein düsteres, konzernbeherrschtes Amerika, teils als Avatare (visuelle Stellvertreter) durch eine immersive digitale Parallelwelt, das „Metaverse“. Trotz all der dystopischen Elemente lieferte der Roman die Blaupause für einige Projekte im Silicon Valley. So erlangte um 2006/07 die Virtual-Reality-Plattform Second Life, auf der sich Avatare zum Social Networking treffen können, temporär Prominenz. Während des Hypes eröffneten diverse Unternehmen dort Filialen, Hausmessen fanden virtuell statt. Heute dümpelt Second Life mit ein paar Zehntausend Nutzern vor sich hin. Die Metaverse-Idee konnte sich damals noch nicht durchsetzen – nur im Consumer-Markt bieten einige Multiplayer-Online-Games ein ähnlich immersives Erlebnis wie von Stephenson inszeniert.

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Webex Hologram
Webex Hologram soll Online-Meetings mittels holografischer Echtzeit-Darstellungen realistischer machen
© Cisco

Zwei mächtige US-Konzerne greifen diese Idee nun auf: Facebook und Microsoft. Mark Zuckerberg stellte kürzlich entsprechende Pläne vor, und sein Unternehmen firmierte um in Meta – wohl um schon früh Ansprüche auf die Platzhirschposition im Metaverse anzumelden. Microsoft hingegen arbeitet am Metaverse fürs Business: Die AR-Plattform Mesh, vorgestellt im März, dient dazu, beispielsweise Entwicklungsteams die standortübergreifende Arbeit an holografischen oder realen Objekten zu erleichtern. Mesh for Teams integriert künftig AR-Funktionen von Mesh in Microsofts Collaboration-Lösung. Die Software soll es der Hybridbelegschaft erlauben, per Avatar an virtuellen Meetings und Chats teilzunehmen und gemeinsam an Dokumenten oder Projekten zu arbeiten.

Die Vorteile laut Microsoft: Beschäftigte, die ihr Äußeres – aus welchen Gründen auch immer – gerade nicht für kamerakompatibel halten, können sich durch Avatare vertreten lassen. Zugleich könne der Ansatz bei introvertierten Menschen die Hürde für die aktive Meeting-Teilnahme senken. Außerdem erleichtere die AR-Welt das Onboarding neuer Beschäftiger, was Microsoft während der Pandemie mit dem Pilotkunden Accenture getestet hat.

Mesh for Teams soll 2022 als Preview verfügbar sein – und mittelfristig per KI und verbesserter Sensorik auch Kopfbewegungen und Gesichtsausdrücke widerspiegeln. AR-Technik könnte die nächste Evolutionsstufe digitaler Arbeit darstellen – nicht weil sie neu wäre, sondern weil Faceb… sorry: Meta und Microsoft sie mit all ihrer Marktmacht pushen. Ein Caveat: Die Menschheit steht vor dem Ende des fossilen Zeitalters, aber noch ohne Plan für den Übergang ins nächste – und das Metaverse dürfte weltweit enorme zusätzliche Rechenpower erfordern. Solange regenerative Energie nicht im Überfluss vorhanden ist (und das ist derzeit nicht in Sicht), sollte man bei neuer wie auch bei alter Technik auf die CO2-Bilanz achten. Für ein Tracking- und werbefinanziertes Konsumentenmetaversum kann diese Gesamtrechnung nur grauslig ausfallen. Kommen hingegen Entwicklungsteams per Mesh statt per Flugzeug zusammen, sieht die Bilanz schon erheblich besser aus. Bei Tools wie Mesh for Teams oder Webex Hologram heißt es abwägen – nicht, dass man laufend mit hohem Rechenaufwand AR-Meetings abhält, von denen es dann heißt: „This could have been an e-mail.“

Zuerst erschienen auf lanline.de.


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