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Industrie 4.0

Die größten Mythen und Missverständnisse

06. März 2018, 13:59 Uhr   |  Autor: Alexander Höppe / Redaktion: Natalie Ziebolz | Kommentar(e)


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Der Bedeutungswandel von Industrie 4.0

Industrie 4.0 betrifft ausschließlich die Produktion
Industrielles IoT (IIoT) ermöglicht die Integration von Informations-, Kommunikations- und Fertigungstechnologien in intelligente, selbstorganisierende Fabriken – sogenannte Smart Factories. Dabei werden Technologien wie Echtzeitanalysen, Augmented Reality und maschinelles Lernen eingesetzt.

In den letzten zwei bis drei Jahren hat sich daher die Bedeutung von Industrie 4.0 gewandelt: von einem produktionsorientierten hin zu einem lösungsorientierten Ansatz. In einem digital unterstützten Partner-Ökosystem können unterschiedliche Anbieter zusammenarbeiten – über Organisationen, Regionen und sogar Branchen hinweg. Die Produktion spielt zwar nach wie vor eine zentrale Rolle, Industrie 4.0 geht jedoch weit über operationale Exzellenz hinaus: Industrie 4.0 adressiert – getrieben durch die wertschöpfungskettenübergreifende Zusammenarbeit mit externen Partnern – zunehmend neue Geschäftsfunktionen und sogar neue Geschäftsmodelle, die neue Technologien im Einklang mit den Geschäftszielen einsetzen. Mithilfe von Echtzeit-Analysen lassen sich neue Daten- sowie neue Einnahmequellen wie beispielsweise datenbasierte Dienstleistungen, sogenannte Smart Services, erschließen. Große Unternehmen können mehrere Industrie-4.0-Initiativen nacheinander oder parallel ausführen. Die daraus resultierenden „Subroadmaps“ sollten mit der allgemeinen Unternehmensstrategie und quantifizierbaren Unternehmenszielen in Einklang gebracht werden. So können Unternehmen den Fortschritt der gesamten Digitalisierungsinitiative verfolgen und die Einhaltung der strategischen Ziele überwachen.

Die „Plattform Industrie 4.0“ bietet umfassende Standards
Entgegen der landläufigen Meinung stellt die Plattform Industrie 4.0 keine umfassenden Standards bereit. Stattdessen bietet dieses Konsortium einen allgemeinen Rahmen – die sogenannte „Referenzarchitektur für Industrie 4.0“ (RAMI 4.0) – mit Normen und Implementierungsempfehlungen. RAMI 4.0 öffnet sich zunehmend für die Integration von Referenzarchitekturen, die von Partner-Konsortien veröffentlicht werden. Dazu gehören das Industrial Internet Consortium (IIC), die Object Management Group (OMG), das Industrial Data Space und weitere Organisationen, die verschiedene Dimensionen des Internet of Things abdecken.

Einige der Standards – wie zum Beispiel für Datenaustausch- und Messaging-Protokolle, Kommunikation und Transport oder Infrastruktur – haben bereits einen hohen Reifegrad erreicht und sind bereit für den Einsatz in Industrie-4.0-Lösungsimplementierungen. Allerdings darf man diese Standards, die zum Teil in IoT-Referenzarchitekturen zusammengefasst sind, die große Vielfalt an integrierten Anwendungsfällen und Implementierungs-Roadmaps eben nur als grundlegenden Rahmen verstehen. Schließlich spielen für Unternehmen eine Menge an individuellen Faktoren eine Rolle: die Reife des Unternehmens, der Technologie und des Anbietermarktes sowie allgemeine Geschäftsanforderungen. Die Dokumentation für IT-/OT-Landschaft, Rollen und Verantwortlichkeiten, Datenmodelle sowie Anwendungsfälle müssen Unternehmen selbst bereitstellen. Dabei sollten sie allerdings auf klar definierten Konventionen und Strukturen aufbauen.

Verschiedene IIoT-Dienstleister wenden die Prinzipien der Industrie 4.0 sowie Ergebnisse der Plattform Industrie 4.0 und ihrer regionalen und internationalen Partner bereits an. Unternehmer sollten sich jedoch darüber klar sein, dass sich Industrie 4.0 parallel und unabhängig von der Plattform und ihren Partner-Konsortien entwickelt und verbreitet. Die Referenzarchitekturen und Fallstudien dienen allein als Beschleuniger der IoT-Initiativen. Daher sollten synchron agile und pragmatische Implementierungsansätze in Betracht gezogen werden.  Das strikte Befolgen der Standards kann sowohl die Flexibilität als auch Kreativität bei der Lösungsimplementierung bereits im Voraus einschränken. Die Folge solcher rein akademischer Ansätze: Langsame Akzeptanzraten und Ergebnisse, die unter den Erwartungen liegen. Industrie-4.0-Vision, Roadmaps und davon abgeleitete Anwendungsfälle sollten stattdessen auch abseits von Standards und Richtlinien des Konsortiums validiert werden. Durch einen solchen dualen Ansatz kann dann die formale Standardisierung mit pragmatischen Lösungen kombiniert werden.  

Alexander Höppe ist Research Director bei Gartner

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