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funkschau Kommentar

Brave New Work

02. Dezember 2019, 12:50 Uhr   |  Autor: Stefan Adelmann

Brave New Work
© Fotolia, lassedesignen

Neue Arbeitskonzepte setzen Vertrauen und Autonomie voraus. Stefan Adelmann im funkschau Kommentar.

„Home-Office? Die sitzen doch sowieso nur daheim rum und trinken Kaffee.“ Wer hat diese Diskussion mit Für und Wider noch nicht geführt? Wenn nicht im eigenen Kollegenkreis, dann mit Freunden oder Geschäftskontakten. Dass im Diskurs um flexible Arbeitskonzepte aber das Argument einer
drohenden Untätigkeit im Schutze der eigenen vier Wände nach wie vor häufig ins Feld geführt wird, zeigt vor allem, wie viele Unternehmenskulturen auch in der heutigen Zeit noch von einem nicht zu unterschätzenden Misstrauen geprägt sind und von einer Ein-bisschen-Druck-muss-schon-sein-Prämisse – und das längst nicht nur unter Führungskräften, sondern auch unter den Mitarbeitern selbst. Das wiederum beeinflusst Strukturen, Prozesse und das gesamte Mindset von Betrieben seit Jahren und Jahrzehnten – und läuft somit schlimmstenfalls zuwider die Potenziale der Digitalen Transformation, Flexibilität, Agilität sowie Selbstbestimmtheit zu fördern und zuwider die Anforderungen an den eigenen Arbeitsplatz, die allem voran den Generationen X bis Z zugeschrieben werden.

Es ist keine neue Kluft, die sich hier auftut. Bereits 1960 hatte der MIT-Professor Douglas McGregor die „X-Y-Theorie“ entwickelt. Theorie X geht davon aus, dass der Mensch eine angeborene Abneigung gegen Arbeit hat, diese stets zu umgehen versucht und daher feste Vorgaben und externe Kontrolle benötigt, um produktiv zu sein. Ein Menschenbild, das den Prinzipien des nach Frederick Winslow Taylor benannten und Ende des 19. Jahrhunderts von ihm entwickelten „Taylorismus“ folgt, der sich vor allem durch den großzügigen Einsatz von Stoppuhren, Überwachungsmaßnahmen, engmaschiger Kontrolle und einer umfassenden Arbeitsquantifizierung auszeichnet – und damit nicht zuletzt Aldous Huxley und seine „Brave New World“ inspirierte. Mitarbeiter sind im Home-Office sowieso untätig und ohne ständige Ansagen bewegt sich nur wenig? Willkommen in der Tradition des Taylorismus.

Stefan Adelmann, Chefredakteur funkschau
© funkschau

Stefan Adelmann, Chefredakteur funkschau

Besonders in den 1960er Jahren setzte aber eine Gegenbewegung ein, die ein Konzept entgegenstellte, das den Menschen stärker in den Mittelpunkt rückt: McGregors Theorie Y. Sie sagt, dass Mitarbeiter über eine intrinsische Motivation verfügen, dass sich ihr Streben nach Selbstverwirklichung in ihrer Arbeit widerspiegelt und dass sie sich umso stärker mit dem eigenen Unternehmen identifizieren, je mehr externe Kontrolle entfällt und je mehr Eigenverantwortung eingeräumt wird.
Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wer seinen Mitarbeitern kein Vertrauen entgegenbringt und auf strikte Kontrolle setzt, wird genau jene Eigenschaften der eigenen Unternehmenskultur stärken, denen eigentlich entgegengewirkt werden sollte. Sicherlich dürfte in den wenigsten Betrieben ein so ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Bild wie in McGregors These vorherrschen, dennoch lässt sich wohl in vielen Fällen schnell erahnen, wessen Geistes Kind das interne Miteinander ist – und warum eine Home-Office-Regelung genau in jenen Unternehmen nicht funktionieren würde, die am vehementesten gegen sie argumentieren.

Umso entscheidender ist daher, die eigene Digitalisierungsstrategie nicht als rein technisches Thema einzustufen. Im Falle der flexiblen Arbeitsstrukturen wird die teuerste Ausstattung mit mobilen Endgeräten und den effizientesten Systemen keinen Effekt zeigen, wenn Mitarbeiter nicht ermuntert werden, diese gewinnbringend einzusetzen. Und das lässt sich wiederum nur auf Basis von Vertrauen erreichen und indem man zusehends den Graben zwischen Mensch und Arbeit schließt, der mit Eifer im Zuge der industriellen Revolution geschaufelt wurde. Denn die Erfahrung zeigt: „Die Protagonisten der Digitalen Transformation, ob das CDOs sind oder CEOs, waren nur erfolgreich, wenn sie die Mitarbeiter ganz stark in den Fokus ihrer Strategie gestellt haben“, wie Sebastian Purps-Pardigol, Unternehmensberater und Autor des Buches „Digitalisieren mit Hirn“, im Gespräch mit der „WirtschaftsWoche“ erklärte.

Möglich ist dieser Wandel in jedem Unternehmen, so sehr sich die Theorie X dort auch gefestigt haben mag. Er muss jedoch angestoßen und vor allem auf der Führungsebene gelebt werden. Nur hier lässt sich der Grundstein einer jeden erfolgreichen Digitalisierung legen. „Das Management kann einem Mann weder Selbstachtung noch Respekt vor seinen Mitmenschen oder die Befriedigung von Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung verschaffen“, sagte McGregor. „Sie kann aber Bedingungen schaffen, die ihn ermutigen und befähigen, solche Befriedigungen für sich selbst zu suchen, oder sie kann dem entgegenwirken, indem sie es versäumt, eben diese Bedingungen zu schaffen.“

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