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Mobilfunkausbau: Quo vadis 5G?

Besonders im industriellen Umfeld wird 5G seine Vorteile ausspielen können. Im Gespräch mit der Unternehmensberatung Iskander Business Partner über Potenziale, Hemmnisse und große Erwartungen im Kontext 5G.

Auf der Hannover Messe 2019 nimmt 5G erstmals breiten Raum ein. Bildquelle: © Hannover Messe

"Die Telekom will 5G zwar schon 2019 realisieren, dies wird aber nur sehr punktuell der Fall sein", prognostiziert Ben Hagelauer im Interview. Und in der Tat hat die Telekom vor Kurzem die ersten 5G-Tarife bekannt gegeben.

funkschau: Der Ausbau des mobilen Netzes ist in Deutschland viele Jahre auf der Strecke geblieben. Umso größer sind die Erwartungen, die nun in den neuen Standard 5G gesteckt werden. Wie gerechtfertigt sind diese Erwartungen?

Ben Hagelauer: Der 5G-Standard kann und wird nicht alle Erwartungen erfüllen können. Die Auflagen der Bundesnetzagentur werden die Situation ein wenig verbessern, sie sind aber nicht weitreichend genug. So müssen die MNO-500-Antennen in weißen Flecken errichtet werden und es gibt ein noch nicht näher spezifiziertes Verhandlungsgebot zur Zusammenarbeit mit anderen Mobilfunk-Netzbetreibern im Zuge von National Roaming. Um den Ausbau signifikant zu beschleunigen, reicht dies jedoch nicht aus. Weiterhin eignen sich die versteigerten 2-GHz- und 3,6-GHz-Frequenzen physikalisch nur eingeschränkt zur Flächenversorgung. Vor allem können sie Kapazitätsengpässe in Ballungsgebieten beseitigen, da sich der Datenverbrauch von Mobilfunkkunden stetig erhöht und die Kapazität des 4G-Netzes überstiegen wird. 5G wird das bestehende Netz also punktuell ergänzen und nicht erweitern. Für die Flächenversorgung wären Frequenzen unter 1 GHz besser geeignet. Auch wenn diese nicht die maximale Leistung von 5G bieten, könnten sie wesentlich größere Flächen abdecken und bieten immer noch eine höhere Geschwindigkeit als LTE.

funkschau: Netzbetreiber sehen die bundesweiten Ausbau-Auflagen als unverhältnismäßig an. Warum?

Hagelauer: Aus Sicht der drei Mobilfunk-Netzbetreiber in Deutschland enthalten die Vergaberichtlinien der Bundesnetzagentur rechtliche Unklarheiten und Investitionshemmnisse. Bemängelt wird eine Vielzahl an Punkten, wie hohe Auflagen zur Flächenversorgung bis 2022. Diese umfassen die Abdeckung von mindestens 98 Prozent der Haushalte pro Bundesland mit mindestens 100 MBit/s sowie die Versorgung aller Bundesautobahnen und der wichtigsten Bundesstraßen mit wenigs-tens 100 MBit/s und zehn Millisekunden Latenz. Der Aufbau von 1.000 5G-Basisstationen und 500 Basisstationen mit 100 MBit/s in weißen Flecken kommt hinzu. Bis 2024 soll es diverse Auflagen zur Versorgung aller Bundestraßen, Seehäfen und Schienenwegen geben. 

Iskander Business Partner Ben Hagelauer Bildquelle: © Iskander Business Partner

Ben Hagelauer, Business Consultant Digital bei Iskander Business Partner

Weitere Aspekte sind ein Verhandlungsgebot zur Zusammenarbeit mit anderen Mobilfunk-Netzbetreibern im Zuge von National Roaming und geringere Auflagen für Neueinsteiger, was 1&1 Drillisch zur Teilnahme an der Aktion veranlasst hat. So müssen Neueinsteiger beispielsweise nur bis Ende 2023 mindestens 25 Prozent der Haushalte versorgen und weitere, geringere Auflagen erfüllen. Außerdem werden fehlende Vergabebedingungen der Frequenzen im Bereich 3,7 GHz bis 3,8 GHz sowie unklare Rahmenbedingungen im 26-GHz-Bereich für lokale Nutzungen kritisch gesehen. Weiterhin wird argumentiert, dass durch National Roaming, die Neueinsteigerauflagen und die Möglichkeit zum Aufbau lokaler Netze (potenzielle) Wettbewerber und Quereinsteiger bevorteilt werden. Durch den verschärften Wettbewerb stehen den notwendigen Investitionen nicht die entsprechenden Umsätze gegenüber. Telekom, Telefónica und Vodafone hatten deshalb Ende 2018 Klage gegen die Richtlinien der Frequenzversteigerung und im Februar 2019 Eilanträge zur Verschiebung der Auktion eingereicht.

funkschau: Inwiefern profitiert die Industrie davon?

Hagelauer: Die aktive Einmischung durch Industrieunternehmen und -verbände in die Diskussion im Vorfeld der 5G-Auktion zeigt, dass dort die Chancen von 5G und die Risiken einer verzögerten und unvollständigen Einführung erkannt wurden. Die Industrie steht in den Startlöchern, um ihre Produktion Industrie-4.0-fähig zu machen, smarte Baumaschinen an den Markt zu bringen, diese remote steuern zu lassen sowie autonome Fahrzeuge zu entwickeln. Ob und wie diese Potenziale realisiert werden können, damit die deutsche Industrie international wettbewerbsfähig bleibt, hängt unter anderem vom geforderten schnellen Ausbau des Netzes ab.

funkschau: Und anders gefragt: Wer profitiert am meisten von 5G?

Hagelauer: Das wird sich zeigen. Nach jetzigem Stand bieten sich Chancen für alle Beteiligten. Volkswirtschaftlich werden signifikante Zugewinne zum BIP erwartet, die durch die mit neuen Produkten und Services erfolgreichen Unternehmen erwirtschaftet werden. Auch neue medizinische Anwendungen, smarte Städte und Energienetze haben einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Kunden wiederum sparen Zeit und können unterwegs digitale Services bequem nutzen. Vielleicht können auch Bauherren in Zukunft bei der  Hausverkabelung Kosten senken, wenn Datenverbindungen nicht mehr per Kabel oder Glasfaser, sondern per Funkverbindung hergestellt werden.