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Privates 5G: Warum die Industrie eigene Mobilfunknetze betreiben möchte

Fortsetzung des Artikels von Teil 2.

Konsequenzen für den Telekommunikationsmarkt

Dieses Konzept würde den Telekommunikationsmarkt verändern, weil erstmals neben den üblichen Mobilfunknetzbetreibern weitere Betreiber dazukommen würden. Die Netzausrüster würden sich auf die neue Situation einstellen, etwa durch dedizierte Funktechnik für Außenbereiche und in Gebäuden. Ein solches Netz würde voraussichtlich auch auf eines oder zwei der oben skizzierten Anforderungsgebiete fokussieren, sicher zum Beispiel auf vernetzte Fabriken.

Die Hersteller von Telekommunikationssoftware, insbesondere für die Überwachung und Steuerung des Netzes, müssten ihre Produkte überarbeiten. Die bisher verwendeten Softwareprodukte für die Planung und die Erfassung des Netzes sind viel zu mächtig und kostspielig für ein doch sehr begrenztes privates Netz. Auch die Überwachungs- und Steuerungsanwendungen (Operational Support Systems, OSS) sind für große Netze mit Tausenden von Netzelementen gemacht. Hier werden sicher leichtgewichtige Softwarepakete auf den Markt kommen.

Die sonst üblichen Tools für die wirtschaftlichen Prozesse (Business Support Systems, BSS) sind nicht oder nur in sehr abgespecktem Umfang notwendig. Denn weder gibt es in einem solchen Netz zahlende Endkunden, noch müssen Roaming- oder Netzübergabeprozesse beachtet werden. Denkbar sind hier daher eher einfache Anwendungen für (interne) Bestell- und sogenannte OPEX-Prozesse, die den Aufwendungen für den operativen Geschäftsbetrieb betreffen.

In privat betriebenen Netzen sind keine aufwendigen Prozesse für die Abrechnung und Verwaltung von SIM-Karten nötig. Ein einfacher Prozess, neue Netzteilnehmer zu aktivieren, reicht hier völlig aus. Ein reiner eSIM-Ansatz ist daher hier eine Überlegung wert.

Privat betriebene Netze werden den Telekommunikationsmarkt verändern

Die Regulierungsinstanzen, in Deutschland ist das die Bundesnetzagentur, müssen ihre Prozesse für die Frequenz- und Standortfreigabe überarbeiten. Die vielen neuen 5G-Netze müssen von den vielen privaten Netzbetreibern geplant, installiert und betrieben werden. Da selbst Bosch und Siemens nicht die Erfahrung einer Deutschen Telekom, Vodafone und Telefónica mitbringen und Experten zudem rar gesät sind, werden spezialisierte Dienstleistungsunternehmen entstehen.

Zudem werden die etablierten Netzbetreiber ihre Telekommunikationsexpertise auf die neuen Anforderungen ausrichten. Sie werden die Prozesse und Technologien auf das signifikant kleinere, aber mitunter komplexe private Netz anpassen. Denkbar sind auch sogenannte Private-Network-as- a-Service-Modelle (pNaaS).

Anschnallen – wir erleben ein 5G-Jahr!

Bei vielen Punkten rund um 5G ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, einige endgültige Entscheidungen stehen aus. Dennoch wird der mögliche Markteintritt privater Netzbetreiber die Telekommunikationsszene mächtig aufwirbeln. Wir dürfen gespannt sein und uns auf die nächsten Monate freuen: 2019 wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein 5G-Jahr!

Dr. Peter Beckerle ist Experte für Telekommunikation bei Sopra Steria Consulting