Gründerszene

Wie Niedersachsen Anreize für Start-ups bieten will

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Bis vor kurzem noch war Niedersachsen für Start-ups eher ein unbeschriebenes Blatt. Wer Erfolg haben wollte, ging nach Berlin. Doch mittlerweile gibt es innovative Geschäftsideen von Hannover bis Norderney.

Die beiden Gründer Sebastian Döring und Torsten Rabe haben es vorgemacht: Die Spezialisten für Messtechnik haben sich mit ihrer Geschäftsidee selbstständig gemacht. Mit einem digitalen Gerät wollen sie Wasserproben erleichtern, etwa in Schwimmbädern. Vor drei Jahren haben sie dafür Lilian Labs gegründet. Mittlerweile ist ihr Messgerät – etwa so groß wie ein Leitungssucher – bereit für den Einsatz: Rund 50 Testkunden können etwa pH-Wert und Chlorgehalt des Wassers schon mit der Entwicklung aus Braunschweig bestimmen. Einen Anteil daran hat auch die Förderbank des Landes Niedersachsen, die NBank. Sie arbeitet daran, Niedersachsen als Start-up-Standort zu etablieren. Eine Online-Karte verdeutlicht die Entwicklung: Zum Start vor zwei Jahren waren dort erst 20 Start-ups zwischen Harz und Nordsee verzeichnet. Heute sind es rund 340. Zwar stellen Hannover (130) und Braunschweig (71) den größten Anteil. Aber auch in Lüchow-Dannenberg, in Meppen und sogar auf Norderney sind Startups verzeichnet.

“Niedersachsen hatte früher keine Story für Start-ups”, sagt NBank-Chef Michael Kiesewetter. Mittlerweile sei jedoch ein Netz aus Förderern entstanden, in dem die Gründer individueller und persönlicher unterstützt würden als etwa in Berlin. Rund jedes dritte der verzeichneten Startups versucht, in der Digitalwirtschaft Fuß zu fassen. Hinzu kommt ein vergleichsweise hoher Innovationsgrad in den Bereichen Agrar und Ernährung, Industrie 4.0 und Mobilität. “Die Szene lebt”, sagt Kiesewetter.

Anreize bieten
Dass die NBank sich heute so prominent als Steigbügelhalter für innovative Gründer präsentiert, hat – typisch für die Szene – auch mit einem Scheitern zu tun. Als eine Forscherin der Leibniz-Uni in Hannover die Idee für die App Peat mitentwickelte, blieb das Start-up nicht in Niedersachsen, sondern wanderte ab nach Berlin. Mit der App können Bauern Pflanzenkrankheiten per Smartphone erkennen. Das will Kiesewetter künftig verhindern. Er ist sich sicher: “Es gibt gute Ideen im ganzen Land – nicht nur im Silicon Valley, in Tel Aviv oder Berlin.” Aber an wen sollen sich potenzielle Gründer wenden, wenn sie eine gute Idee haben? Die Antwort findet sich wiederum in der Start-up-Karte. Dort sind neben zahlreichen Beratungsangeboten und Netzwerken auch sogenannte Start-up-Zentren verzeichnet, die den Gründern zur Seite stehen. Acht Stück davon gibt es in Niedersachsen: zwei in Hannover, jeweils eines in Braunschweig, Hildesheim, Göttingen, Osnabrück, Oldenburg und Lüneburg. Dabei hatte Kiesewetter sich anfangs noch für ein zentralisiertes Modell ausgesprochen, wie er zugibt. Mittlerweile sieht er die Verzweigung als Standortvorteil: “Die Unterstützung vor Ort ist superwichtig”, sagt er. Und im Vergleich etwa zu den Metropolen seien auch die günstigeren Wohnungspreise und die größere Wahrnehmung in der noch kleineren niedersächsischen Szene von Vorteil.

Nach Angaben der Industrie- und Handelskammern Niedersachsen (IHKN) gab es im Jahr 2018 landesweit rund 46.000 Neugründungen. Start-ups – die hervorstechen, weil sie eine innovative Idee auszeichnet und ein neues Geschäftsmodell verfolgen – machen nur einen Bruchteil davon aus, das ist normal. Für IHKN-Hauptgeschäftsführer Horst Schrage sind die Zahlen, nur knapp über dem Allzeittief, dennoch besorgniserregend. “Das Ziel muss es sein, die Gründungsdynamik in Niedersachsen deutlich zu erhöhen”, forderte Schrage Ende Oktober.

Finanzielle Unterstützung
Wer mit seiner Geschäftsidee noch ganz am Anfang steht, kann sich bei der NBank auf ein sogenanntes Gründungsstipendium bewerben. Von den 1,5 Millionen Euro, die dafür seit Mai zur Verfügung stehen, wurde aber bisher erst rund die Hälfte ausgeschöpft. 67 Anträge gab es, 48 davon wurden bewilligt – die nächste Juryrunde ist für Dezember geplant. Jeder Stipendiat erhält acht Monate lang 2.000 Euro (bei Studenten 1.000 Euro), um seine Idee voranzubringen. Von 2020 an stehen sogar zwei Millionen Euro pro Jahr für das Stipendium bereit. Wer mit seinem Start-up schon weiter ist, kann von der Förderbank sogenanntes Wagniskapital erhalten – damit verbunden ist eine Unterstützung über sieben bis zwölf Jahre. Voraussetzung: Das Start-up hat einen Sitz oder Produktionsstandort in Niedersachsen und ist maximal fünf Jahre alt. Der 2017 dafür gegründete Fonds NSeed umfasst 29 Millionen Euro.

Die Erfinder des Wasseranalyse-Start-ups Lilian Labs sind froh über die Hilfe ihres Investors – und das nicht nur finanziell. “Die Beratung ist wichtig, um die Produktidee abzuklopfen”, sagt Döring. “Wir kommen von der Uni, da ist es hilfreich, wenn uns jemand sagt: Denken Sie nochmal darüber nach, was der Kunde wirklich braucht.”


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