Unternehmenskultur

Wie Open Source die Arbeitswelt verändert

14. Juli 2022, 10:33 Uhr | Autor: Josep Prat / Redaktion: Sabine Narloch | Kommentar(e)
Open Source Unternehmenskultur
© rawpixel/123rf

Viele Unternehmen nutzen Open Source-Software, die EntwicklerInnen mitunter in ihrer Freizeit erarbeitet haben. Mittlerweile ermutigen Unternehmen ihre eigenen IT-Teams aber, das während der Arbeitszeit zu tun. Doch das erfordert eine Unternehmenskultur, die sich nicht nur an KPIs orientiert.

Open Source professionalisiert sich immer mehr. Widmeten sich viele EntwicklerInnen bislang meist in ihrer Freizeit Open Source-Projekten – und das oft ohne oder nur mit geringer Vergütung –, so findet in derBusiness-Welt ein Umdenken statt: Unternehmen ermutigen ihre IT-Teams, während ihrer Arbeitszeit an Open Source-Projekten mitzuwirken; sie gewähren ihren MitarbeiterInnen die Freiheit, nach ihren eigenen Vorstellungen an solchen Projekten zu arbeiten.

Ein durchaus mutiger Schritt für alle Beteiligten, denn er verlangt von ManagerInnen und TeamleiterInnen, ihren Führungsstil zu überdenken. So gelten für Open Source andere Spielregeln als für die eigene Unternehmenssoftware. Bis Ergebnisse der Arbeit vorliegen und bis sie implementiert sind, kann es dauern, die Fokussierung auf kurzfristige Resultate ist daher kontraproduktiv. Zudem liegt der Erfolg der Arbeit nicht beim Unternehmen, sondern bei der Open Source Community. Die Herausforderung für Unternehmen lautet daher, eine neue Unternehmenskultur sowie Strukturen zu etablieren, die diesen neuen Anforderungen gerecht werden. Zudem sollte dafür gesorgt werden, dass sich die unternehmenseigenen EntwicklerInnen wohl fühlen.

Ressourcen, Zeit und Verständnis

Viele Unternehmen nutzen heutzutage bereits Ergebnisse der Open Source-Community. Doch statt nur zu nehmen, vollzieht sich nun langsam ein Umdenken in der Wirtschaft, und viele Firmen wollen sich verstärkt selbst einbringen. Davon können aber letztlich alle Unternehmen profitieren, die auf Open Source setzen. Schließlich gilt in den meisten Fällen: Je mehr professionelle EntwicklerInnen am Quellcode mitwirken, desto besser wird auch dessen Qualität. Und umso sicherer die Anwendung ist, desto mehr Funktionen kommen hinzu. Unternehmen sollten daher aber zu der Erkenntnis kommen, dass sie sich nicht mehr darauf verlassen dürfen, dass EntwicklerInnen hauptsächlich in ihrer Freizeit Open Source-Software auf den neuesten Stand halten.

Beteiligung an Open Source-Foundations
Open Source-Foundations und öffentliche Fördermittel können die Akzeptanz und die Möglichkeiten von Open Source langfristig verändern. Unternehmen haben die Möglichkeit, die Open Source-Gemeinschaft zu unterstützen. In Deutschland gibt es zum Beispiel den Sovereign Tech Fund. Auch Projekte wie Gaia X oder das Zentrum für digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung (ZenDis) engagieren sich für mehr Verständnis und Relevanz von Open Source. Die Linux Foundation bietet wiederum praktische Ratschläge, die Organisationen dabei helfen können, Führung und Einfluss in Open Source-Projekten strategisch gezielt aufzubauen. Um das Wissen über solche Projekte zu vertiefen – etwa beim Aufbau von Open Source-Software und einer Open Source-Community – lohnt es sich für Unternehmen, Open Source-Foundations und Communities im Auge zu behalten.

 

Schritt eins ist daher, MitarbeiterInnen die Möglichkeit zu bieten, während ihrer Arbeitszeit an Open Source-Anwendungen mitzuarbeiten. Außerdem sollte das Unternehmen dem Team zudem ausreichend Ressourcen und genügend Eigenverantwortung zur Verfügung stellen. Dabei ist es wiederum die Aufgabe von TeamleiterInnen und CIOs, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ihre IT-Kräfte genug Freiheit haben, kreativ und nach eigenen Interessen an Projekten ihrer Wahl mitzuwirken. Open Source sollte also nicht „on top“ zur täglichen Arbeit kommen, dies würde eher ein Gefühl der Überforderung erzeugen.

Von der Arbeitszeit, die IT-Fachkräfte in Open Source-Projekte investieren, profitieren aber viele Firmen, nicht nur der eigene Arbeitgeber, der letztlich die Gehälter zahlt. Dennoch ist es wichtig, dass Unternehmen ihren IT-Fachkräften klar machen, dass ihre Arbeit einen hohen Wert für das Unternehmen genießt: Schließlich sind sie diejenigen, die den Wandel von Open Source und deren Professionalisierung möglich machen. Eine gesunde Fehlerkultur ist ebenso wichtig, gerade für Unternehmen, für die Open Source noch Neuland ist.

Open Source-Projekte haben zudem ihren eigenen Zeitplan. Dieser folgt nicht unbedingt den Vorstellungen eines Unternehmens. Deshalb sollte sich jeder Teamleiter vor Augen führen: Entwickler investieren viel Zeit in bestehende Open Source-Projekte, die mehrere Wochen oder gar Monate dauern können, bevor sie veröffentlicht und verfügbar sind. Erst dann werden die vorgeschlagenen Änderungen angenommen.  Dabei ist es die Open Source-Gemeinschaft, die das letzte Wort hat. Unternehmen müssen somit die Zeitpläne von Open Source-Projekten respektieren und ihre internen Prozesse und Strukturen anpassen. Das gelingt nur durch Flexibilität und ein hohes Verständnis dafür, wieso bei Open Source manche Dinge unterschiedlich lange brauchen. Üben Unternehmen durch herkömmliche KPI und schematische Reporting-Strukturen Druck aus, kann das kontraproduktiv sein.

Josep Prat ist Engineering Manager im Open Source Program Office bei Aiven


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