Digitalisierung der Gesellschaft

Wahlen über die Blockchain – das Modell für die Zukunft?

24. September 2021, 11:19 Uhr | Autor: David Chaum / Redaktion: Diana Künstler | Kommentar(e)
Reichstag Berlin, Kugel
© fotoruhrgebiet/123rf

Unsere Welt wird immer digitaler. Doch eine Sache machen wir – nicht nur in Deutschland – immer noch analog: wählen. In fast jedem Land der Welt gehören die Bilder von PolitikerInnen, die ihre Briefumschläge in Wahlurnen stecken, zum Wahltag dazu. Aber warum wählen wir eigentlich nicht digital?

In den letzten Jahren und vor allem durch Corona stieg das Interesse an der Briefwahl an, auch weil Ansteckungsgefahren im Wahllokal abschrecken. Doch auch die Briefwahl setzt auf Papier und Auszählungen durch Menschen. Vorteile einer digitalen Stimmabgabe gegenüber der Briefwahl gibt es genug und gegenüber dem Gang zum Wahllokal erst recht. Zum einen wäre eine solche Stimmabgabe noch einmal deutlich bequemer und einfacher für den/die WählerIn Zum anderen sind so Stimmzettel auch in mehreren verschiedenen Sprachen denkbar und die Kosten für die Wahl würden langfristig sehr wahrscheinlich sinken und sich die Auszählung beschleunigen.

Estland als Pionier

Es gibt eine bekannte Ausnahme von der analogen Wahlwelt: Estland. Der baltische Staat ist das einzige Land, welches die digitale Stimmabgabe in den Wahlprozess integriert hat. Zur Stimmabgabe muss man sich hier zunächst mit seinem Personalausweis und einem Scangerät am Computer verifizieren, um dann Zugriff auf den Stimmzettel zu erhalten. Die Stimme kann innerhalb des Wahlzeitraums übrigens beliebig oft geändert werden – lediglich die letzte abgegebene Stimme wird gewertet und über einen QR-Code kann der/die WählerIn feststellen, ob alles funktioniert hat. Die Übermittlung der Stimme erfolgt dabei in einem verschlüsselten Zustand, wobei man sich die Verschlüsselung ähnlich dem zwei Umschlags-Prinzip bei der Briefwahl in Deutschland vorstellen kann. Die Software selbst wurde von Estland im Internet veröffentlicht, um die Sicherheit weiter zu verbessern.

Natürlich gibt es bei einem solchen Prinzip auch Bedenken bezüglich der Sicherheit. Denn während Angreifer bei der Briefwahl physischen Zugang zu den Wahlbriefen zur Manipulation benötigen, lassen sich bei einer Schwachstelle in der Software schnell tausende von Stimmen fälschen oder zurückverfolgen. Diese Bedenken verhindern oftmals eine Implementierung von digitalen Wahlen, auch wenn die demokratietheoretischen Grundlagen erfüllt sind. In Estland wurden diese Bedenken dem Wunsch, Vorreiter in Sachen digitaler Wahl zu werden, untergeordnet.

Blockchain als Lösung?

Aber können die Sicherheitsbedenken nicht durch eine Verbindung mit der Blockchain-Technologie ausgeräumt werden? Der Grund, warum dies der Fall sein könnte, ist die Tatsache, dass die Blockchain an sich grundsätzlich nicht knackbar ist und die darauf gespeicherten Daten nicht mehr veränderlich sind. Folglich könnte eine Wahlanwendung basierend auf einem Blockchain-System die erforderliche Sicherheit gewährleisten. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise die Ausstattung aller Wahlberechtigten mit einem Token, mit welchem dann auf den digitalen Stimmzettel zugegriffen werden kann. Jede einzelne Stimme würde dann auf der Blockchain gespeichert werden und könnte so nicht manipuliert werden.

Die Wahl einer geeigneten Blockchain spielt dabei nicht nur für die Skalierbarkeit eine wichtige Rolle. Wählt man eine private Blockchain, so können Außenstehende keine Daten der Blockchain einsehen. Das Wahlgeheimnis wäre automatisch erfüllt, da die Rückverfolgung von Stimmen nicht möglich wäre. Allerdings gäbe es in diesem Fall keine Transparenz und das Ergebnis der Wahl wäre Vertrauenssache. Stattdessen könnte man auch eine öffentliche Blockchain wie beispielsweise Bitcoin oder Ethereum verwenden. In diesem Fall müsste die Rückverfolgbarkeit von Stimmen verhindert werden, der Vorteil liegt hier darin, dass wirklich jede/r das Wahlergebnis nachvollziehen kann und Manipulationsversuche sofort auffallen. Tatsächlich gibt es auch schon einige Projekte wie Voatz, Agora oder Polyas, die die Blockchain-Technologie in kleineren Wahlen, wie zum Beispiel in Unternehmen, anwenden und damit experimentieren. Ein weiteres Projekt zur Durchführung von Blockchain-basierten Wahlen ist VoteXX, welches die xx network-Blockchain als Grundlage verwendet. Das xx network ist dabei nicht nur quantensicher, sondern schützt auch die Metadaten aller Nutzer. Hierdurch sind keinerlei Stimmen rückverfolgbar, ohne dass die Transparenz eingeschränkt wäre – ein bedeutender Vorteil gegenüber anderen Technologien.

Trotz einiger Pilotprojekte und ersten Tests an Universitäten und in Firmen, wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich Wahlen auf der Blockchain etabliert haben und überhaupt für wichtigere Wahlen wie die Bundestagswahl in Betracht gezogen werden. Gleichzeitig muss das Vertrauen in die Blockchain-Technologie und Anwendungen auf Basis dieser noch deutlich gesteigert werden. Dennoch ist es jetzt wichtig, solche Diskussionen anzustoßen – denn ein simples Ausruhen auf der Briefwahl erscheint keine langfristig vernünftige Lösung zu sein. In einer fernen Zukunft könnten dann auch Blockchain-basierte Self-Sovereign-Identities, kurz SSI, in den Wahlprozess eingebunden werden. Dabei hätten die WählerInnen einen digitalen und von den Behörden ausgegebenen Personalausweis auf Basis der Blockchain auf ihrem Handy, mit dem sie sich für die Wahl verifizieren würden.

David Chaum gilt als Erfinder des digitalen Bargelds (eCash). Er ist auch für andere grundlegende Innovationen in der Kryptographie verantwortlich, darunter Datenschutztechnologie und sichere Wahlsysteme. Derzeit ist er an der Entwicklung der xx-Blockchain beteiligt.


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