Digitalisierung verschlafen

Teurer Retro-Funk für die Bundeswehr

Blick auf Globus über Afrika mit bunten Linien.
© Benetel

Weil die Umstellung auf Digitalfunk weiter auf sich warten lässt, muss die Bundeswehr jetzt ihre alte Analogtechnik nachproduzieren lassen – für mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Wer wissen will, wie erfolgreich die von der Politik gebetsmühlenartig proklamierten deutschen Digitalisierungsanstrengungen sind, der muss nur einen Blick in die Amtsstuben werfen. Während die digitale Verwaltung in anderen Ländern längst Alltag ist und zahlreiche Vorteile für Staat und Bürger bringt, werden in Deutschland weiterhin Aktenordner voller Anträge ein- und herumgereicht per Fax weitergeschickt. Ob die digitale Gesundheitskarte oder die Erleichterung grundlegender Verwaltungsvorgänge wie in der KFZ Zulassung: Geplant wird viel – vielleicht zu viel – und am Ende ist das Ergebnis doch immer nur ein Zwischenergebnis, das irgendwo zwischen peinlich und allenfalls mager liegt, aber in zig Jahren durch das Wunder der Verwaltung doch noch zu einem durchschlagenden Erfolg werden soll, der Deutschland an die Spitze der Zukunft katapultiert. Selbst die Pandemie hat daran nicht allzu viel grundlegendes geändert, stattdessen wurden hier und da ein paar neue iPads verteilt, oder zumindest ein entsprechender Fördertopf mit ausgeklügeltem Beantragungsprozedere eingerichtet.

Kein Wunder also leider, wenn es in der Bundeswehr ganz ähnlich aussieht. Auch die ruft, ganz dem politischen Vorbild folgend, hochmotiviert immer neue Digitalisierungsoffensiven aus, um sie dann später umzubennen und irgendwann durch neue Luftschlösser zu ersetzen. Dabei stellt sie selbst auf ihren zugehörigen Webseiten die Grundfrage: „Doch was bedeutet das für die Bundeswehr, wenn digitale Innovationen analoge Techniken zunehmend ablösen?“, um sie mit der klaren Erkenntnis „Wer nicht digitalisiert, verliert!“, zu beantworten. Insofern muss man wohl konstatieren, hat die Bundeswehr in den letzten 10 Jahren auch auf diesem Feld durchgehend verloren. Das untermauern nun besonders anschaulich aktuelle Recherchen des Spiegel. Diesen zufolge hat die Bundeswehr im Juli rund 30.000 „neue“ Funkgeräte bestellt. Allerdings handelt es sich dabei nicht etwa endlich um den lang ersehnten digitalen Ersatz für die in die Jahre gekommene Analog-Technik. Ganz im Gegenteil. Weil ihr auf dem langen Weg zum Digitalfunk inzwischen die alten Geräte und Ersatzteile für die Anfang der 80er Jahre entwickelten Baureihen SEM 80 und 90 ausgehen, mussten diese nachbestellt werden, um die Kommunikationsfähigkeiten zumindest aufrecht zu erhalten, wenn schon nicht zu verbessern.

Doch selbst das ist schwieriger als gedacht. Denn gebaut werden die Funkgeräte schon lange nicht mehr und der ursprünglicher Hersteller Standard Elektrik Lorenz ist verschwunden. Seine entsprechenden Patente und Rechte sind seither über Alcatel zum französischen Rüstungs- und Bahnkonzern Thales gewandert. Der darf sich somit nun über einen unverhofften Großauftrag mit Uralt-Technik freuen – noch dazu außer Konkurrenz. Denn um eine neue Ausschreibung zu vermeiden muss die Order per Rahmenvertrag quasi als Nachbestellung erfolgen. Das bedeutet auch, dass keine technischen Verbesserungen an den nachproduzierten Geräten vorgenommen werden dürfen. Das alles schlägt sich im Preis nieder, und zwar nach oben. Rund 20.000 Euro soll jedes Geräte kosten, insgesamt werden also etwa 600 Millionen Euro an Steuergeldern für die völlig veralteten Retro-Quäken ausgegeben. Immerhin bekommen wir dafür einen weiteren typisch deutschen Schildbürgerstreich in Sachen Digitalisierung, der uns kopfschüttelnd zum Schmunzeln bringt.

Zuerst erschienen auf ict-channel.com.


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