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Studie: Digitalisierung des Schulsystems

Schlechte Noten für Behörden und Bundesländer

02. Juni 2021, 14:13 Uhr   |  Autor: Tillmann Braun / Redaktion: Diana Künstler | Kommentar(e)

Schlechte Noten für Behörden und Bundesländer
© Photographee.eu | Shutterstock

An deutschen Schulen gibt es eklatante Lücken bei der technischen Ausstattung und gewaltige Unterschiede bei der digitalen Infrastruktur. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Gleichzeitig ist die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte gewachsen.

Digitales Lernen hat bundesweit dabei geholfen, den Ausfall von Präsenzunterricht abzufedern. Wie gut das funktioniert, hängt jedoch stark von den Voraussetzungen an den einzelnen Schulen ab. Das geht aus der repräsentativen Studie "Digitalisierung im Schulsystem" hervor, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am 1. Juni vorgestellt hat.

Laut der Studie wird das Lernen mit digitalen Medien und Tools extrem ungleich umgesetzt. Eine der größten Herausforderung stellt die Kluft zwischen digitalen Nachzügler- und digitalen Vorreiter-Schulen dar. "Die Hälfte der Schulen hat kein WLAN für die Schülerinnen und Schüler", sagte Studienleiter Frank Mußmann von der Universität Göttingen. Lediglich 57 Prozent der Lehrkräfte arbeiten an Schulen, an denen es für den Unterricht genügend digitale Geräte gibt. Immerhin: 58 Prozent nutzen regelmäßig Lernmanagementsysteme – vor der Pandemie waren dies lediglich 36 Prozent. "Eine Cloudanbindung ist jedoch noch nicht selbstverständlich: Ein Viertel der Schulen hat keine Schul-Cloud, nur 40 Prozent arbeiten mit einer schulübergreifenden Bildungs-Cloud", betont Mußmann.

Neun von zehn Lehrkräften haben einen höheren Arbeitsaufwand durch Fernunterricht

Ansgar Klinger, GEW
© GEW

Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung: "Die eklatanten Lücken in der digitalen Ausstattung und die Mehrfachbelastung in der Pandemie führen zu einer nicht zu verantwortenden Arbeitsbelastung der Lehrkräfte an Schulen und einer zunehmenden digitalen Kluft."

Wie sehr die Lehrerschaft gefordert ist und letztlich den Unterschied ausmacht, ob Fernunterricht funktioniert – oder nicht – zeigen die Studienergebnisse deutlich. So stehen bis heute nur in 18 Prozent der Fälle für alle Lehrkräfte digitale Endgeräte der Schule zur Verfügung, für weitere 30 Prozent teilweise. "Deshalb greifen 95 Prozent der Lehrkräfte zur Selbsthilfe und setzen ihre privaten elektronischen Geräte wie Handy, Computer oder Tablet häufiger als vor der Pandemie ein", so der Studienleiter. "Nur in 50 Prozent der Fälle ist eine technische Unterstützung gewährleistet. Das führt zu Zusatzaufgaben, die Lehrkräfte on-top zu den pädagogischen und organisatorischen Aufgaben leisten müssen", bemängelt Frank Mußmann. Die Corona-Krise habe zu erheblichen Zusatzbelastungen der Lehrkräfte geführt. "Neun von zehn Lehrkräften haben einen höheren Arbeitsaufwand durch Fernunterricht. Knapp zwei Drittel der Lehrkräfte benennen den Wechselunterricht als Grund für eine stärkere Arbeitsbelastung", berichtet der Studienleiter. Zudem sei die Arbeitsbelastung dadurch gestiegen, dass analoge in digitale Materialien überführt wurden, die digitalen Kompetenzen und die Ausstattung der Schülerinnen und Schülern sehr unterschiedlich sind sowie mehr Kommunikation notwendig ist.

"Die Lehrkräfte müssen sich auf die pädagogischen Aufgaben konzentrieren können", mahnt Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule. "Wir brauchen endlich mehr IT-Fachleute für den technischen Support, die Gelder für die Einstellung etwa von Systemadministratoren stehen bereit. Diese Mittel müssen endlich abgerufen und verstetigt werden. Digitale Werkzeuge sollen die Lehrkräfte pädagogisch unterstützen – und nicht zu einer Dauerbaustelle werden."

US-Dienste sind auch Datenschutzgründen mittlerweile verboten

Die Realität sieht bislang jedoch anders aus. Denn vielerorts wurden zunächst notgedrungen digitale Einzellösungen entwickelt, die Systeme und Tools von US-Unternehmen wie Microsoft Teams oder Zoom umfassen. Doch dann wurde im Herbst letzten Jahres auf der Datenschutzkonferenz des Bundes und der Länder entschieden, dass die US-Dienste nicht den Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung entsprechen. Zudem erklärte das Europäische Gerichtshof das Privacy-Shield-Abkommen mit den USA für nichtig, da sich die US-Gesetze nicht mit den strikten hiesigen Gesetzen und Vorschriften zum Schutz von Anwendern vereinbaren lassen. Da Schulen die sensiblen und personenbezogenen Daten der meist minderjährigen Schülerinnen und Schüler schützen müssen, besteht hier eine besondere Dringlichkeit, dass Lösungen und Dienste von US-Unternehmen nicht länger eingesetzt werden. Damit dies flächendeckend möglich ist, benötigen die Schulen allerdings Unterstützung, beispielsweise in Form von Open-Source-Lösungen, die eine digitale Souveränität ermöglichen und sich leicht implementieren und nutzen lassen.

Frank Hoberg, Open-Xchange
© Open-Xchange

Frank Hoberg, Mitgründer von Open-Xchange

"In Schleswig-Holstein wurde bereits ein cloudbasierter Web-Arbeitsplatz für den öffentlichen Sektor entwickelt, der den strengen EU-Datenschutzgesetzen entspricht und sich auch für Schulen eignet", sagt Frank Hoberg, Mitgründer von Open-Xchange. Schulen und Behörden könnten Daten aus ihren bisherigen Systemen und Diensten problemlos übertragen. Laut Hoberg dürften selbst Lehrkräfte ohne besondere IT-Kenntnisse keine Probleme damit haben, mit der "Sovereign Productivity Suite" zu arbeiten.

Ob adäquate Lösungen kommen, hängt von Bundesländern und Behörden ab
Ob diese und ähnliche Lösungen sich bald durchsetzen, liegt vor allem an den Entscheidungsträgern auf Bundes- und Landesebene. Ohne ein strategisches und flächendeckendes Vorgehen sind die einzelnen Schulen ansonsten wieder auf sich selbst gestellt, was viel zusätzlicher Arbeitsaufwand bedeutet und langfristig nicht zu Erfolg führen kann. "Die Bildungsgewerkschaft fordert schon lange eine bessere digitale Infrastruktur an den Schulen", sagt Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung. "Die eklatanten Lücken in der digitalen Ausstattung und die Mehrfachbelastung in der Pandemie führen zu einer nicht zu verantwortenden Arbeitsbelastung der Lehrkräfte an Schulen und einer zunehmenden digitalen Kluft. Diese Entwicklung müssen wir stoppen und nachhaltig umkehren, damit Schulen sowie Schülerinnen und Schüler nicht weiter abgehängt werden."

Tillmann Braun, freier Redakteur

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