Gastkommentar von Kentix

Innovatives Denken, agiles Arbeiten und Trial & Error

16. Juni 2021, 10:32 Uhr | Autor: Thomas Fritz / Redaktion: Diana Künstler | Kommentar(e)

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Eigene Stärken in der Krise erkennen

Als die Pandemie das öffentliche Leben teilweise lahmlegte, hatten wir gerade die Entwicklung eines Thermalbild-Multisensors zur Brandfrüherkennung abgeschlossen. Er sollte auf einer internationalen Messe vorgestellt werden. Wie die meisten Messen wurde sie abgesagt. Genau in dieser Zeit sah ich die Bilder aus China, die zeigten, wie bei Menschen die Temperatur gemessen wurde. Das Robert Koch-Institut zählt Fieber zu den häufigsten Symptomen bei der Erkrankung mit dem Coronavirus. Das Problem ist allerdings, dass nicht jeder Betroffene einen leichten Temperaturanstieg merkt und falls doch, bleibt er nicht unbedingt zu Hause. Im vergangenen Jahr sind laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds zwei Drittel aller Arbeitnehmer zur Arbeit gegangen, obwohl sie krank waren. Insbesondere Beschäftigte, die hoch motiviert sind, tauchen angeschlagen auf, aber auch Mitarbeiter, die Angst um den Arbeitsplatz haben. Es kommt sogar vor, dass Eltern ihre Kinder mit leichtem Fieber in die Schule schicken. Heute ist das gefährlich, deshalb raten Experten, Menschen mit erhöhter Temperatur zu isolieren. Ein Fieber-Screening ist für die Offenhaltung von Schulen, Büros und anderen Institutionen demnach essenziell. Idealerweise führt man die Kontrollen an Stellen durch, an denen sich viele Menschen aufhalten.

Hält man allerdings bei der Messung die Geräte gegen die Stirn oder gegen das Handgelenk, gibt es viele unsichere Faktoren wie zum Beispiel ungeeignete Messpunkte oder unterschiedliche Messabstände. Die Messung ist deshalb unzuverlässig. Also überlegten wir, wie wir unser vorhandenes Know-how nutzen können, um das Verfahren und die Technik zu verbessern. Die Rückbesinnung auf die Start-up-Tugenden halfen uns, aus vorhandenen Komponenten einen Fieber-Scanner zu entwickeln. Es musste schnell gehen. Wir mussten die technischen Grundlagen des Temperaturmessens bei Menschen verstehen. Die Technik bauten wir dann wie mit einem Baukasten zum großen Teil aus vorhandenen Technologien zusammen. Dabei setzen wir konsequent auf unsere agile Arbeitsweise.

Zusammenspiel im Team

Die Motivation ergab sich von selbst: Alle Mitarbeiter wollten einen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten, um die weitere Ausbreitung zu verhindern und zu einem normalen Leben zurückzukehren. In der Entwicklungsphase gingen wir dann in kurzen Schritten vor: In kleinen Teams konnte sich jeder mit seiner Erfahrung, seinem Wissen und seiner Kreativität einbringen. Wichtig ist hierbei vor allem eine tolerante Fehlerkultur. Der amerikanische Innovationsforscher Edward D. Hess beschreibt Scheitern als einen notwendigen Teil des Innovationsprozesses, denn Scheitern bedeute Lernen. Fast alle Innovationen seien Ergebnis des Lernens aus Misserfolgen. Wir akzeptierten Fehler, und sprachen offen über die Fehlerquellen und die daraus zu ziehenden Schlüsse. Zudem hatten wir stets die Kunden im Blick und fragten uns, wie wir ihnen konkret helfen können. Dies alles sind typische Aspekte der Start-up-Mentalität.

Unser „SmartXcan“ entstand innerhalb von genau sechs Wochen. Das quadratische Gerät misst binnen einer Sekunde berührungslos die Temperatur. Die Menschen blicken mit etwa 30 Zentimetern Abstand auf einen kleinen Kreis in der Mitte des Geräts, da der Messpunkt  das innere Augenlid ist. Die Blutversorgung sorgt dort für eine stabile Temperatur. Die Leute können ihre Masken also aufbehalten, lediglich Brillen müssen abgesetzt werden. Der Fieber-Scanner zeigt das Ergebnis der Messung über ein Balkendiagramm in rot und grün an, dazu kommt ein akustisches Signal. Wir haben das Design möglichst einfach und intuitiv gestaltet, damit das Gerät nicht zu teuer und leicht zu handhaben ist. Die Materialbeschaffung war dennoch eine Herausforderung, da viele Lieferketten unterbrochen waren. An dieser Stelle kam uns zugute, dass wir alle Produkte in Deutschland fertigen, dadurch hatten wir mehr Unterstützung als viele andere Unternehmen. Der Fieber-Scanner ist nun in Krankenhäusern, Impfzentren, Kitas, Grundschulen, Ämtern, Pflegeheimen und vielen Unternehmen im Einsatz, darunter der italienische Reifenhersteller Pirelli und die weltgrößte Brauereigruppe Anheuser-Busch InBev.

Die Pandemie stellte uns vor eine besonders große Herausforderung. Aber seien wir ehrlich: Es gab auch vorher Krisen, und in Zukunft wird es nicht anders aussehen. Die Start-up-Mentalität kann allen Unternehmen helfen, auf Krisen mit Innovation statt mit Resignation zu reagieren, um in diesen unsicheren Zeiten zu überleben.


  1. Innovatives Denken, agiles Arbeiten und Trial & Error
  2. Eigene Stärken in der Krise erkennen

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