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Eine Welt nach dem Smartphone

17. Oktober 2018, 10:51 Uhr   |  Autor: Stefan Adelmann

Eine Welt nach dem Smartphone
© Amazon

Smartwatches, Google Glass, Alexa, Siri und Cortana lassen Jetzt schon erahnen, wie sich die Zukunft gestalten wird. Sprachsteuerung und persönliche Assistenten sind ein riesiger Wachstumsmarkt. Immer mehr Menschen haben Amazons Echo (wie hier im Bild zu sehen) oder Googles Home zuhause im Einsatz.

Das Leben des überzeugten Homo Digitalis ist gefährlich. Haltungsschaden, Nackenschmerzen, unnatürlich gewachsene Daumen, soziale Isolation, Übergewicht, Suchtgefahr – das Smartphone, nicht nur des Digital-Jüngers liebstes Gadget, steht im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit.

Über wenige Aspekte der Digitalen Transformation wird aktuell so leidenschaftlich diskutiert wie über das hochgerüstete Handy. Ein positiver Aspekt: Erst dieser Gegenwind macht das Smartphone zu einer wahrlich großen Erfindung, denn rückblickend hatten besonders herausragende Technologien oft einen eher holprigen Start. Ob Buchdruck, Zeitung, Auto, Fernsehen, Computerspiele, Internet – wahlweise sollten und sollen sie ganze Branchen sowie geistige und körperliche Gesundheit gefährden und gesamte Generationen Heranwachsender, zumindest in der Wahrnehmung Einzelner, in die soziale Untauglichkeit treiben.
 
Ähnlichkeiten zum Glücksspiel
Eine namhafte Gesellschaft, eherne Tradition, wenn Studien und Beiträge mit „Im Smartphone-Rausch“ oder „Smartphone-Sklaven“ betitelt werden. Dabei zielt der Hauptkritikpunkt nicht unbedingt auf das Allround-Gerät an sich ab: die Suchtgefahr. Es sind meist unterschiedliche soziale Medien, die mit Mechanismen ähnlich denen des Glücksspiels arbeiten und den Nutzer mit kleinen Belohnungsmomenten via Like, Push oder Retweet zur Dopamin-Ausschüttung und damit zur kontinuierlichen Nutzung animieren. Ohne Frage, dieses System kann in die Abhängigkeit führen, laut einer Anfang 2017 veröffentlichten Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 270.000 Jugendliche betroffen. Abhilfe schaffen sollen Smartphone-freie Bereiche, analoge Zeiten oder gar gänzliche Abstinenz: „Digital Detox“. Auch die Hersteller reagieren und erklärten das „well-being“ (Google) der Nutzer zum höchsten Gut. Apple-Chef Tim Cook gestand sich nach einem Blick auf seine eigenen Nutzerdaten gar ein, nicht so diszipliniert zu sein, wie er sich das wünschen würde. Er verbringe viel mehr Zeit mit seinem iPhone, als er zunächst gedacht hätte.

Aber warum ist es unter den unzähligen Aspekten der Digitalen Transformation gerade das Smartphone, das eine so vehemente Gegenbewegung anstößt? Im Gegensatz zu vielen anderen Technologien greift das mobile Endgerät tief in unser Leben ein, ist am Essenstisch, im Bett, im Bad, auf dem Geburtstag und selbst als „Second Screen“ vor dem Fernseher dabei. Es erobert mit seinen unzähligen Anwendungen immer neue Bereiche unseres Alltags – bleibt dabei aber Fremdkörper. Denn selbst wenn die Nutzung der Smartphones immer intuitiver wird, die gewünschte Funktion immer weniger Interaktion erfordert, lenkt uns das Wischen, Tippen und Klicken von unserem eigentlichen Tun ab. So verpasst man schlimmstenfalls nicht nur die schönsten Momente, nein, besonders für Mitmenschen dürfte es störend sein, wenn das Gegenüber ständig auf den kleinen Bildschirm schaut.

33 Prozent der Befragten einer Studie der Pronova BKK haben Ende 2017 angegeben, dass sie keinesfalls auf ihr Smartphone verzichten könnten, 24 Prozent der Teilnehmer beichteten, dass sie schon einmal Paniksymptome verspürt haben, weil sie ihr Handy vergessen hatten. Ist ein Leben ohne Handy also trotz vieler Kritiker schon längst nicht mehr möglich? „Nach dem Smartphone kommt das Smartphone“, hat Huawei-Chef Richard Yu erklärt. Eine Einschätzung, die nicht alle teilen. Das Ende der Ära Smartphone soll demnach bereits begonnen haben, erste Anzeichen seien beispielsweise die seit einiger Zeit rückläufigen Absatzzahlen. „Das Telefon ist schon längst tot“, sagte Microsoft-Experte und Hololens-Entwickler Alex Kipman vergangenes Jahr gegenüber der Agentur Bloomberg. Die Nutzer hätten es nur noch nicht gemerkt.

Ein Alltag ohne Smartphone? Eine heutzutage kaum vorstellbare Zukunft. Und doch sind es Technologien wie KI, Machine Learning und Spracherkennung, die neue Geräteklassen wie beispielsweise Datenbrillen ermöglichen werden, die sich wesentlich intuitiver in unseren Alltag fügen als das Smartphone – auch, wenn sie damit neue, nicht zu unterschätzende Kritikpunkte auf den Plan rufen werden. Eine Entwicklung, die noch einige Jahre in Anspruch nehmen, Smartwatches, Google Glass, Alexa, Siri und Cortana lassen aber schon jetzt erahnen, wie sich diese Zukunft gestalten wird: Eine digitale Welt nach dem Smartphone.

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