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Die Macht der Psychologie

02. Dezember 2019, 12:50 Uhr   |  Autor: Stefan Adelmann

Die Macht der Psychologie
© George Mayer-123rf

Die Strategien sind meist von Vorsicht geprägt, von disruptiven Strategien und großen Sprüngen kann nur selten die Rede sein.

Wenn es um die zunehmende Verquickung von Wirtschaft und Technik geht, ist den Deutschen miunter mulmig zumute. Doch wie tief greift die oft zitierte "German Angst" wirklich?

Die deutsche Gesellschaft blickt der Digitalisierung mit sorgenvollem Blick entgegen. Auffallend oft ist in der vergangenen Zeit wieder von der berüchtigten „German Angst“ die Rede. Das bleibt nicht nur Gefühl, zahlreiche Studien untermauern: Ganz geheuer ist die zunehmende Verquickung von Alltag und Wirtschaft mit Technik nicht. So zeigt eine Anfang des Jahres durch das Vodafone Institut durchgeführte internationale Studie, dass in China, Indien und auch Bulgarien rund 80 Prozent der Befragten das große Potenzial der Digitalisierung sehen – in westeuropäischen Staaten, darunter Deutschland, sei es nur knapp die Hälfte, rund zwölf Prozent lehnen die Transformation gar gänzlich ab. Das korreliert wiederum mit folgender Bewertung: 59 Prozent der befragten Deutschen sehen ihr Land bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich abgehängt. In Anbetracht der fehlenden Begeisterung verwundert das kaum.

Aber Zahlen sind das Eine, ganz alltäglich er- und gelebte Sorge das Andere. Wie tief verwurzelt die „German Angst“ tatsächlich ist, zeigte sich kürzlich in der Diskussion rund um die Einführung von 5G. Nur wenige Momente, nachdem das Thema verstärkt in den öffentlichen Fokus rückte, wurden Befürchtungen um etwaige Gefahren des Mobilfunk-Standards laut – und übertönten die Diskussion um dessen Potenziale lauthals. Tausende Menschen teilten beispielsweise einen Beitrag mit dem vielsagenden Titel „Dringender Weckruf, 5G ist Gefahr für Leib und Leben!“. Der tatsächliche Weckruf folgte hingegen umgehend seitens der Stiftung Warentest: „Es besteht kaum Grund zur Sorge“. Dennoch dürfte sich das vermeintliche Schadpotenzial von 5G bereits in vielen Köpfen etabliert haben und damit den öffentlichen Diskurs noch über Jahre hinweg prägen.

Es steht außer Frage, dass diese Sorgen ernstgenommen, dass ihnen begegnet werden muss. Wird dies verschlafen, kann ein Worst-Case-Szenario mit einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft aufwarten, die Befürchtungen bekräftigten und die Digitalisierung als gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung nochmals ausbremsen würde.

Gleichzeitig wird anhand der weit auseinander klaffenden Digital-Schere zwischen Deutschland und Vorreitern wie den USA deutlich, dass die vermeintlich diffuse German Angst ganz konkrete Folgen für hiesige Unternehmen hat. „Die Macht der Psychologie bestimmt nicht nur Börsenwerte. Sie beeinflusst in erheblichem Maße auch die Bereitschaft, sich von alten Denk- und Handlungsmustern zu verabschieden und mit seinem Unternehmen neue Wege zu gehen“, erklärte Clemens Meiß, geschäftsführender Gesellschafter von Get the Point, im vergangenen Jahr. Die Agentur veröffentlichte 2018 ein Whitepaper rund um die Logistik-Branche, das auf Basis einer durch die Bundesvereinigung Logistik durchgeführten Studie aufzeigt, dass die „Psychologie des Wandels einen direkten Einfluss auf das Veränderungstempo“ des Marktes nimmt. „Es ist die German Angst, die das Digitalisierungstempo in der Branche bremst“, so Meiß.

Ein Fazit, das sich so für fast alle Bereiche der deutschen Wirtschaft ziehen lässt. Viele Strategien sind von Vorsicht geprägt, von disruptiven Strategien und großen Sprüngen kann nur selten die Rede sein. Zwar zeigen verschiedene Studien durchaus Bewegung im Markt und sich eine langsam dem Wandel öffnende Gesamtsituation. Es bleibt jedoch die Ungewissheit, ob diese Entwicklung in Anbetracht der rasenden Digitalen Transformation nicht zu spät und zu langsam kommt. „Leider verschlafen wir Deutschen die Digitalisierung. In allen digitalen Technologien gibt es exponentielle Wachstumsraten und wir diskutieren über die Basis – die Bandbreite der Datenübertragung – anstatt über Blockchain, Big Data und vor allem Social Media“, erklärte Peter Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Organisations-, Arbeits- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg, gegenüber golem.de. Er fordert eine Abkehr vom deutschen Ingenieursdenken und ein Vorgehen nach einem Prinzip, das besonders die US-Wirtschaft vorlebt: Trial and Error. Hier wird nicht jedes Detail zerdacht, sondern es geht um eine schnelle, agile Entwicklung, die vor allem auf rasch präsentierte Prototypen abzielt. Die stetige Verbesserung folgt im Anschluss. Aber: Unsere momentane Mentalität passe nicht zu jener Weise, wie in der digitalen Welt Produkte entstehen, so das eindeutige Urteil von Fischer.

Doch es führt kein Weg an einem Umdenken vorbei, mehr Mut ist essenziell. Denn es gibt keine Alternative zur Digitalen Transformation. Sie wird kommen, ob man es nun befürwortet oder nicht. Entscheidend wird daher sein – in der Gesellschaft, in den Medien, in Unternehmen und im Management – den Fokus stärker auf die Chancen zu legen und ein digitales Mindset vorzuleben. Immerhin geht es um nicht weniger als die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

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