Scandit

„Den physischen Handel digitaler machen“

Einkaufstechnologie.
Einkaufstechnologie.
© Vladimir Stanisic / shutterstock.com

Das Smartphone ist zu einem Allround-Gerät geworden – und kann mitunter auch als Barcode-Lesegerät fungieren. Das eröffnet beispielsweise Möglichkeiten im Bereich des Self-Scannings, wie Christian Floerkemeier, CTO und Mitgründer von Scandit, im Interview mit funkschau erklärt.

funkschau: Scandit hat bereits vor etlichen Jahren damit begonnen, beim Strichcode-Scannen auf das Handy zu setzen. Wie war hier die Entwicklung?
Christian Floerkemeier: Die Idee entstand, als etwa in den Nullerjahren die ersten Kamerahandys auf den Markt kamen. Somit gab es also nicht nur überall Barcodes, sondern bald besaßen auch viele Menschen mit einem Kamerahandy ein potenzielles Barcode-Lesegerät. Ziel war also, mit Kamera-Eigenschaften von Handykameras, die ja recht generisch sind, die gleiche Scanleistung zu erzielen wie auf einem dedizierten Gerät, das nur auf den einen Prozess, also das Strichcode-Scannen, ausgerichtet ist. Die Hersteller von dedizierten Geräten haben uns bis etwa ins Jahr 2015 durchaus belächelt. Wir haben uns anfangs nur auf den Einsatz bei Konsumenten fokussiert, also auf Märkte, in denen keine professionellen Strichcode-Laser eingesetzt wurden. Das heißt im Bereich Self-Scanning und Konsumenten-Applikationen.

funkschau: Welche grundsätzlichen Trends sehen Sie denn grundsätzlich im Retail Bereich?
Floerkemeier: Wir sehen bei unseren Kunden im Retail-Bereich zwei Trends: Auf der einen Seite möchte der Handel den E-Commerce humaner machen, das heißt ein menschliches Element hinzuzufügen. Das können zum Beispiel Videochats mit Produktexperten sein. Auf der anderen Seite gilt es, den physischen Handel digitaler zu machen.

funkschau: Was bedeutet es genau, den physischen Handel digitaler zu machen?
Floerkemeier: Der Einzelhandel ist zumindest physisch auf einem Niveau, das sich seit Jahren nicht verändert hat. Hier sehen wir bei den technischen Möglichkeiten noch Luft nach oben – und das Telefon beziehungsweise Smartphone kann dabei ein Tool für den Konsumenten sein, um ein-fachere und bessere Einkaufsentscheidungen zu treffen. Der Einzelhändler wiederum hat darüber die Möglichkeit, Verkaufszahlen und Promotions zu optimieren.

funkschau: Wie kann das aussehen und was sind das für Lösungen?
Floerkemeier: Das können KI-Lösungen sein, die mir zum Beispiel helfen, ein gesuchtes Produkt zu finden, also den genauen Ort im Regal, wo es steht. Oder ich scanne mit dem Smartphone das Produkt und erhalte zusätzliche Informationen dazu oder kann es mit ähnlichen Produkten vergleichen. Das sind quasi digitale Features, an die sich Kunden gewöhnt haben, und die sie mittlerweile auch im Laden nutzen können. Der Haupt-Anwendungsfall bei vielen Händlern ist allerdings das Self-Scanning. Da kann man seinen Einkauf mit dem eigenen Handy scannen und muss sich nicht in eine Schlange an der Kasse stellen.

Scandit Smartphone Barcode-Scanner
Christian Floerkemeier ist CTO und Mitbegründer von Scandit
© Scandit

funkschau: Besteht beim Self-Scanning nicht die Gefahr, dass durch fehlende Kontrolle der Laden-Diebstahl zunimmt?
Floerkemeier: Absolut. Die meisten Händler sind aber nicht blauäugig – und es gibt ja auch ohne Self-Scanning Diebstahl. Es geht vor allem darum, durch Prozesse den zusätzlichen Diebstahl abzufangen, indem Kunden abgeschreckt werden, beispielsweise durch Stichprobenkontrollen. Ganz ohne Personal geht es natürlich nicht.

funkschau: Kann man solche Lösungen und Services, die Sie geschildert haben, einfach von heute auf morgen im Laden einführen?
Floerkemeier: Egal was ich machen möchte, ob Self-Scanning im Laden, E-Commerce, also online bestellen und die Ware wird geliefert, oder Click and Collect, online bestellen und die Ware im Laden abholen: Die Basis davon ist immer eine funktionierende IT-Infrastruktur. Denn wenn ich Preise, Produkte und Warenmenge nicht zentral verwalte, habe ich ein Problem. Man kann kein Self-Scanning anbieten, wenn nicht bekannt ist, wie in diesem Ladenlokal die Preise sind; denn dann kann ich das dem Kunden, der die Preise in der mobilen App hat, nicht entsprechend verrechnen. Man muss also eine Produktdatenbank aufbauen und Preise konsolidieren.

Wenn ich aber diese Infrastruktur habe, bin ich in der Lage, das relativ flexibel zu steuern. Dann lässt sich auf unterschiedliche Situationen reagieren. Am Beispiel der Corona-Zeit: Erst gab es den Lockdown und damit verbunden mehr E-Commerce, nach dem Lockdown wiederum kommen die Leute in die Läden zurück und wollen Informationen. Das lässt sich dann alles entsprechend skalieren.

Das Unternehmen Scandit
Scandit wurde 2009 von einer Forschungsgruppe des Massachusetts Institute of Technology (MIT), der ETH Zürich und IBM Research gegründet. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Zürich, weitere Niederlassungen befinden sich in Boston, Tampere, Tokio und Warschau. Die Technologieplattform von Scandit basiert auf proprietärer Computer Vision, Augmented Reality und maschinellem Lernen. Unternehmen aus Branchen wie dem Einzelhandel, aber auch der Logistik oder der Fertigung setzen die Software ein. Diese kann auf einem kamerafähigen Smart Device wie einem Smartphone genutzt werden.

 


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