Gaia-X

Das europäische Gegenkonzept

29. November 2021, 13:15 Uhr | Autor: Stefan Adelmann | Kommentar(e)

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Fahrt aufgenommen

Die an Gaia-X beteiligten Unternehmen bewerten die Lage hingegen erwartungsgemäß positiver. So verweist Ionos mit Blick auf die Anfangsverzögerungen unter anderem auf die zu bewältigende Komplexität der gemeinsamen Architektur. Jetzt sei das Projekt aber merklich vorangekommen, ein entscheidender Schritt getan: Der Abschluss der ersten Spezifikationsrunde der Federation Services im vergangenen Mai. Sie stellen die technische Grundlage der gemeinsamen Dateninfrastruktur dar. Ende des Jahres 2021 sollen dann die ersten funktionalen Services zur Verfügung stehen, damit sogenannte Federator diese für die jeweilige Föderation in Betrieb nehmen können. „Mit dem Aufbau der sogenannten Federation Services, dem technischen Herzstück oder Betriebssystem von Gaia-X, ist der nächste Meilenstein geschafft. Die Anforderungen sind jetzt definiert und werden jetzt in Open-Source-Quellcode umgesetzt“, erklärt Thomas Jarzombek, Beauftragter des BMWi für die Digitale Wirtschaft und Start-ups. „Ich freue mich, dass das Projekt weiter Fahrt aufnimmt, um möglichst bald an den Markt zu kommen.“ Was Gaia-X für die Praxis bedeuten kann, zeigt sich anhand von elf im vergangenen Juli veröffentlichten, zuvor von der Bundesnetzagentur ausgeschriebenen Use Cases. Zu den Konzepten zählt beispielsweise der „Health-X Dataloft“, ein von der Charité Berlin geleitetes Projekt, das eine cloud-basierte Infrastruktur für Gesundheitsdaten und Telematik-Lösungen schaffen soll. Das von Bechtle geführte „Possible“-Projekt zielt wiederum auf eine Cloud-Lösung für Bildung, Unternehmen und Verwaltung ab, während die „Autowerkstatt 4.0“ eine Plattform für den „vertrauenswürdigen Austausch“ von branchenspezifischen Daten und KI-Modelle zum Ziel hat, um die Digitalisierung der mittelständisch geprägten Werkstattbranche voranzutreiben.

Und parallel hat das BMWi auch die deutsche Wirtschaft als potenzielle Kundschaft weiter für das Thema Gaia-X sensibilisiert. Während sich zuletzt Konzerne wie die Commerzbank schon zum Projekt bekannten, sollte eine Veranstaltungsreihe im vergangenen September den Nutzen auch für mittelständische Unternehmen aufzeigen. „Gaia-X hat das Zeug, quer durch alle Branchen Innovationen voranzutreiben“, zeigte sich Bundeswirtschaftsminister zum Auftakt der Reihe überzeugt. Wann Gaia-X den Mittelstand aber tatsächlich erreicht, ist aktuell schwer abzusehen. Bisher stehen nur die elf Leuchtturmprojekte fest. Aus ihnen sollen sich dann weitere Geschäftsmodelle und Anwendungen ergeben sowie eine entsprechende Nachfrage aus dem Markt, gefördert werden sie bis Ende 2024 mit rund 180 Millionen Euro.

Während die Europäer gemeinsam noch erste Skizzen erarbeiten, haben sich Hyperscaler wie AWS, Microsoft, Google und Alibaba mit ihren Diensten längst in den Unternehmen etabliert. Es wird schwierig, sich gegen die rasante technologische Engwicklung der Cloud-Giganten sowie ihre Milliardeninvestitionen durchzusetzen – selbst im europäischen Markt –, wenn man statt an fertigen Produkten noch viele Jahre an technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen feilt. „Im Kontrast zu einer agilen Welt, die durch ‚Cloud Native‘ zur digitalen Innovationsreise auf Autopilot mutieren soll, ist Gaia-X das Vorzeigebeispiel einer ‚anti-agilen‘ Vorgehensweise“, bemängelt Hille von Cloud-flight. „Diskussionen bis ins kleinste Detail, Verharren auf der Planungsebene und bis heute leider niemand, der wirklich in der Lage ist, die Initialzündung herbeizuführen, stehen dem Streben nach Automatisierung, Digitalisierung, Vernetzung und Innovation im krassen Kontrast gegenüber.“ Der Marktexperte gibt darüber hinaus zu bedenken, dass selbst Gaia-X-Mitglieder das Projekt teils offen kritisieren. Zwar würden Urteile wie Schrems II das schlagartige Wachstum der Hyperscaler in Europa grundsätzlich einschränken. Die Praxis zeige laut Hille aber, dass die vermeintlich klaren Urteile noch lange nicht für Klarheit sorgen. „US-amerikanische Public Clouds sind immer noch irgendwie so ein bisschen erlaubt, so ein bisschen verboten und am Ende doch immer technisch überlegen.“

Das Verhältnis von Gaia-X zu den US-amerikanischen und chinesischen Cloud-Konzernen bleibt ohnehin ein Streitpunkt. Während beispielsweise Cloudflight zu einer größtmöglichen Nähe zu den Hyperscalern rät, sehen kritischere Stimmen das ursprüngliche Konzept der Datensouveränität aufgeweicht. So kommentierte Benoît de Nayer, CEO des belgischen Marketing Automation-Anbieters Actito, den Gaia-X-Einstieg des US-amerikanischen Datenanalyse-Riesen Palantir wenig begeistert: „Palantir ist das genaue Gegenteil von Europas Interessen.“ Die beiden Open-Source-Experten Stefane Fermigier and Sven Franck warnen in einem Kommentar wiederum vor einem „trojanischen Pferd“, das den Europäischen Markt den großen Tech-Konzernen öffnen könnte.

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  1. Das europäische Gegenkonzept
  2. Fahrt aufgenommen
  3. Keine europäische Cloud-Insel

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