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Der steinige Weg in die All-IP-Welt

15. Juni 2015, 13:49 Uhr   |  Bernd Büttner, Director Strategic Marketing bei Bintec Elmeg / Claudia Rayling, Redakteurin funkschau/channelXpert | Kommentar(e)

Der steinige Weg in die All-IP-Welt
© Wolfgang Cibura-fotolia

Das ISDN wird abgeschaltet, Aufschub dürfte es keinen geben, denn die Notwendigkeit seitens der Carrier ist klar artikuliert. Die Geschwindigkeit, mit der die Transformation weg von ISDN hin zu All-IP momentan durchgeführt wird, ist jedoch sowohl für den Endkunden als auch für den Fachhandel an einigen Stellen bereits zu hoch. Warum? Es lassen sich derzeit noch eine Reihe offener oder zumindest nicht umfänglich geklärter Themen ausmachen. Auch sind die notwendigen Rahmenbedingungen noch nicht vollständig etabliert.

So besteht beispielsweise ein veritables  Know-how-Gefälle des Fachhandels im Bereich Telefonie, Netzwerk- und IP-Technologie. Das Angebot an Services- und Diensten seitens der Carrier ist noch nicht vollständig und ebenso wenig ist die Antwort auf die Frage nach dem jeweils besten Konzept für den Um- und Einstieg hin zu All-IP geklärt.

Migration der bestehenden TK-Anlage oder „rip and replace“, also der vollständige Ersatz der bestehenden (I)TK-Infrastruktur, sind die zwei entscheidenden Kernthemen. Was wird aus all jenen Leistungsmerkmalen, die in mehr als zwei Jahrzehnten ISDN entstanden sind? Für welche Applikationen gibt es kaum oder generell keine Lösungen? Wie definiert sich die Rolle des Fachhandels vor dem Hintergrund, dass derzeit speziell die Deutsche Telekom das Thema ISDN-Abschaltung massiv vorantreibt?

Eine Universalantwort lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt für den erfolgreichen und wirtschaftlich vermittelbaren Umstieg zu  All-IP nicht formulieren, und es wird auch kein „All-IP-Rezept“ geben.

VoIP ist nicht gleich All-IP

In den letzten 25 Jahren ist im Umfeld von ISDN eine ganze Menge zusammengekommen. Neben einer Vielzahl an TK-Systemen unterschiedlicher Hersteller und deren jeweiliger Ausprägung existiert auch eine ganze Reihe an unterschiedlichen Applikationen, die auf Basis von ISDN betrieben werden. Ein Teil dieser Applikationen soll oder muss in die All-IP-Welt mit übernommen werden, ein anderer Teil wird wohl in der bisherigen Form nicht überleben – oder es müssen dafür neue Lösungen gefunden werden.

Stichwort Investitionsschutz: Mit Sicherheit ist nicht zu erwarten, dass ein unlängst angeschafftes TK-System nebst dazugehörenden Endgeräten wieder außer Betrieb genommen und durch ein komplett neues System ersetzt wird. Vielmehr möchte man die getätigte Investition noch einige Jahre betreiben und damit sichern. Typischerweise sind viele dieser Systeme auch etwas größer dimensioniert worden als der unmittelbar zum Zeitpunkt der Installation bestehende Bedarf es erfordert hätte.

Stichwort Erweiterungen: Mehr Nutzer oder mehr Endgeräte sind bis zu einem gewissen Umfang beim Systemdesign oftmals bereits mit eingeplant und vom Kunden bereits bezahlt worden. Dem Kunden erklären zu müssen, dass der Aufwand inklusive der damit verbundenen Kosten nun nutzlos ist, ist schwer darstellbar. Eine Beschädigung des Vertrauensverhältnisses gegenüber dem Fachhändler ist die Folge.

In solchen Fällen bietet sich die Möglichkeit einer All-IP-Migration mittels eines Media-Gateways an. Ein Media-Gateway übernimmt dabei aus Sicht der TK-Anlage die Rolle des ISDN-Amtsanschlusses und vermittelt ein- und ausgehend zwischen den beiden Technologiewelten. Der Vorteil dieses Migrationspfades liegt vor allem in der Tatsache, dass die bestehende TK-Anlage unberührt bleibt –  ein „Zero Touch“-An-satz sozusagen. Das bedeutet, dass keine Konfigurationsänderungen am laufenden System vorgenommen werden müssen. Das Media-Gateway wird dabei zwischen TK-Anlage und All-IP-Breitbandanschluss positioniert. Die Herausforderung besteht in der Anpassung und funktionellen Integration des Media-Gateways in dieses Szenario. Hierbei verlangen einige Parameter besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei der Planung und Konzeption.

Eine grundlegende Ressource bildet selbstverständlich die zur Verfügung stehende Bandbreite. Wenn die Sprachqualität vergleichbar gut mit der des ISDN angestrebt wird, so können zirka 100 KBit/s pro Sprachkanal als Faustformel angesetzt werden, natürlich bidirektional im Up- und Downstream. Auch qualitative Parameter wie Delay (Verzögerung), Jitter (Paketlaufzeitunterschiede) und ein vertretbares Maß an Packetloss (Paketverlust) müssen bewertet werden. Beispielsweise kann der Verlust von zehn zusammenhängenden Sprach-Paketen am Stück zu einem Verlust von 100ms bis 300ms Sprachinformation führen, was sich für ein Gespräch als durchaus störend darstellt, da hierbei ganze Silben verloren gehen. Damit die ein- und ausgehende Vermittlung von Gesprächen zwischen All-IP-Breitbandzugang und ISDN-TK-Anlage reibungslos läuft, ermöglicht das Media-Gateway die entsprechende Umwandlung der ISDN-Sprachdaten nach IP für ausgehende Datenströme und umgekehrt.

Gleiches gilt ebenfalls für die Kommunikation mit der dahinterliegenden ISDN-TK-Anlage. Zu beachten gilt, dass diejenigen Daten, die von oder zur All-IP-Plattform transportiert werden, entsprechend konform und „wohlgeformt“ sind, im Sinne des angewandten Netzwerkprotokolls SIP (Session-Initiation-Protocol). Dieses Protokoll ist für die Steuerung sowie den Auf- und Abbau der Kommunikationsverbindung verantwortlich. Die eigentlichen Sprachdaten werden mittels eines separaten Protokolls namens RTP (Real-Time-Transport-Protocol)  befördert. Die Erfahrung zeigt, dass SIP nicht gleich VoIP ist und VoIP nicht gleich All-IP. Da es die Definitionen und Beschreibungen für SIP zulassen, identische oder vergleichbare Funktionalitäten auf unterschiedliche Arten zu realisieren, muss das Media-Gateway die Unschärfe innerhalb der Definitionen dieser Quasi-Standards ausgleichen.

Ein Beispiel: Der All-IP-Service-Anbieter sendet Rufnummern im kanonischen Format, das heißt die angerufene Rufnummer am Anschluss des Kunden lautet beispielsweise +4991196730. Würde das Media-Gateway nicht eingreifen, um dieses Rufnummernformat vor der Weiterleitung und Signalisierung an die ISDN-TK-Anlage in 091196730 umzuformen, kann es durchaus sein, dass keines der angeschalteten Telefone jemals klingelt. Dasselbe gilt entsprechend in ausgehender Richtung. Die abgehende Nummer 091196730 muss nach +4991196730 zur Weiterverarbeitung durch die All-IP Plattform transformiert werden.

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2. Kostspielige Experimente

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