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Kommentar: Herkules needs Support

Monika Graß ist ein bekanntes Gesicht in der Datacenter-Industrie und steht der Branche als Beraterin und Sparringspartnerin zur Seite. Für funkschau gibt sie Einblick in ihren Erfahrungsschatz im Bereich Datacenter Infrastructure Management (DCIM).

Monika Grass Grass Consulting Bildquelle: © Grass Consulting

Datacenter Infrastructure Management ist multilingual. Wie viele Interpretationen kennen Sie für Datacenter? Bezieht sich die Infrastruktur ausschließlich auf die Facility-Infrastruktur wie Power, Cooling, Gebäude oder auf Server, Switche und Storage, auf das Netzwerk, auf virtuelle Systeme oder gar auf hybride Konzepte? Welche Funktionen impliziert der Begriff „managen“? Monitoren, verwalten, messen, steuern, automatisieren, planen, analysieren und was sonst?
Es ist nicht verwunderlich, dass bei dieser Vielfalt an Fragenstellungen DCIM-Projekte und die Auswahl des richtigen Produktes eine Herkulesaufgabe darstellen und auch gute Projekte scheitern können. Die Renaissance von DCIM war eines der Key-Themen 2019 während der DataCloud in Monaco – zugegebenermaßen verbunden mit vermeintlichen Antworten darauf, weshalb die Erwartungen der Analysten nicht eintrafen. Zur Erinnerung: 2010 prognostizierte The 451 Group, dass der Markt für DCIM von 500 Millionen US-Dollar (im Jahr 2010) auf 7,5 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2020 ansteigen würde. Davon sind wir aktuell weit entfernt. Wir sahen Anbieter auf dem Markt verschwinden, einige Produkte wurden mit neuen Begriffen „umgepackt“ und interessante Neu- und Weiterentwicklungen sind zu finden. „DCIM ≠ DCIM“ ist der Titel eines Whitepaper, das ich 2014 für den Eco Verband erstellte und eine Marktübersicht und Orientierungshilfe darstellte. Diesen Titel können Sie auch in „Monitoring ≠ Monitoring“ ummünzen und mit einer Reihe anderer Aspekte gleichsetzen.

Meine Einordnung von DCIM lautet nach wie vor: DCIM kann das Enterprise-Resource-Planning (ERP)-System sein, um die unternehmerische Aufgabe, die in einem Unternehmen vorhandene ITK-Ressourcen möglichst effizient für den betrieblichen Ablauf einzusetzen und somit die Steuerung von Geschäftsprozessen im ITK-Umfeld zu optimieren. Monitoring stellt eine der Aufgaben des DCIM dar. Es sollte auch in den Unternehmen als Einführung eines ERP-Systems gehandhabt werden.

Erste Schritte
Vor jeder Produktauswahl gilt es, folgende Aufgaben zu erledigen:

  • Eruierung der Gründe, warum die Anschaffung eines DCIM- oder aber auch eines Monitoring-Tools geplant wird: Dies können beispielsweise Effizienz- und Produktivitätssteigerung, die Reduzierung von Medienbrüchen oder  automatisierte Prozesse sein.
  • Sammlung der Aufgaben, die damit erledigt werden sollen: Hierzu zählt auch die Abwägung, welche Bereiche zu involvieren sind, ob dies unternehmensweit oder nur standortspezifisch gelten soll, welche Themen damit abgedeckt werden sollen, ob Sie Real-Time-Daten benötigen und anderes mehr. Dabei sollten Sie bereichsübergreifend multilingual vorgehen. Agieren Sie zukunftsorientiert. Das automatisierte Datacenter und der Einsatz von Robotern im Datacenter sind möglich. Planen Sie visionär!
  • Priorisierung und Gewichtung Ihrer Anforderungen: Hier ist eine Analogie zu einem Autokauf angebracht.
  • Ist-Analyse der vorhandenen Daten und Tools: Kaum jemand wird auf der grünen Wiese beginnen. Selbst wenn es nur Excel-Dateien sind, die bisher zur Datensammlung und Dokumentation dienten. Ist es Ihre Strategie, über Schnittstellen vorhandene Systeme zu integrieren oder planen Sie eine Ablösung dieser?
  • Abdeckung spezifischer strategischer Unternehmensanforderungen: Welche sind das? Hierzu zählen beispielsweise Vorgaben zu Services (Cloud, Web-Client), Nutzung von Standard-Werkzeugen (Workflow, Datenbank), Anforderungen an Lieferanten (Support, Partner, Liquidität), wirtschaftliche Aspekte (ROI in n Jahren, Miete/Kauf/Leasing, Lizenzvorgaben) und vieles mehr. Ebenso muss geklärt werden, wie ein derartiges Vorhaben
  • intern aufzusetzen ist (als Projekt, als laufende Aufgabe, mit Einbindung externer Unterstützung).
  • Einbindung des Managements: Sie werden bereichsübergreifend tätig werden, Sie werden auch unbequeme Dinge durchsetzen müssen, Sie benötigen finanzielle Mittel und personelle Kapazitäten. Kurz: ohne Management-Support wird das Projekt voraussichtlich scheitern.

Auf in den Kampf
Sobald die Projektskizze steht, können Sie mit der Auswahl des Anbieters beginnen. Auch das gleicht wieder einer Herkulesaufgabe. Aber mit einer guten Vorbereitung lässt sich der Aufwand begrenzen. Ich persönlich finde einen Test mit realen Daten extrem hilfreich für den Entscheidungsprozess. Dies ist zwar etwas aufwendiger (insbesondere für die Produktanbieter), aber in Ihrer Welt können Sie mögliche Unterschiede der Tools besser beurteilen. Unterschätzen Sie ebenfalls nicht den Aufwand für das Customizing, die Datenmigration sowie den Roll-Out.

Je nach Reifegrad Ihres Unternehmens wird der ROI (Return of Invest) einer DCIM-Implementierung unterschiedlich ausfallen. In der Vergangenheit war ich in einem Kundenprojekt selbst überrascht, dass wir dies unter einem Jahr schaffen konnten. Von einigen Anbietern sind ROI-Kalkulatoren erhältlich, die Sie auf Ihre Anforderungen anpassen und erweitern sollten. Insbesondere mit diesem letzten Wissen, stellt sich mir die Frage, warum bisher so wenig DCIM-Applikationen ausgerollt wurden.

2014 habe ich die Produktanbieter mit meiner Aussage, dass ihre Lösungen noch in „Babyschuhen stecken“, getroffen. Aktuell fühle ich mich darin mehr als bestätigt, denn bei vielen Anbietern können Sie Neuentwicklungen, Modernisierungen der Plattformen, neue Funktionalitäten und insgesamt eine neue Positionierung feststellen.

Aber auch bei den Anwendern derartiger Lösungen, ist ein aktives Angehen an diese Aufgabenstellung zu spüren. Digitalisierung, Automatisierung, Effizienzsteigerungen, die Erkenntnis, dass Bereiche nicht isoliert betrachtet werden können, Nachhaltigkeits-Anforderungen, Edge-Konzepte, hybride Konzepte, Fachkräftemangel und vielleicht auch eine neue Wertigkeit der ITK-Infrastruktur in den Unternehmen führen dazu.

Ich möchte Sie ermutigen, sich mit diesem spannenden, vielfältigen, bereichsübergreifenden Thema zu befassen. Aus meiner Sicht ist spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt, um die Weichen für das zukunftsweisende Datacenter Infrastructure Management in Ihrem Unternehmen zu stellen. Ob Herkules wohl für diese Aufgabe heute einen agilen Ansatz wählen würde? Eines ist sicher: Wie bei den zwölf Heldentaten des Herkules gibt es auch hier keine universelle Lösung beziehungsweise  die eine richtige Vorgehensweise, die Standard-Anforderungen aus der Schublade und auch nicht das eine Produkt: DCIM ≠ DCIM. Starten Sie, das unmöglich scheinende zu vollbringen.