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Deutscher Markt im Wandel: Die Genese der Rechenzentren

In den vergangenen Jahren haben Rechenzentren einen drastischen Wandel durchlaufen. Sie starteten als zentrale Hosts und entwickelten sich im Laufe der Jahre zu wahren Giganten.

Denkendes Datacenter Bildquelle: © Norbert Preiß / funkschau

Rechenzentren sind Teil der digitalen Infrastruktur und essenziell für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Sie schaffen und sichern Arbeitsplätze und sind in allen Branchen von großer Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit. Im Jahr 2017 existierten laut einer Borderstep-Studie etwa 130.000 Vollzeitstellen direkt in den Datacentern. Bei den in direkter Abhängigkeit zu ihnen stehenden Stellen ist für dasselbe Jahr die Rede von 85.000 Arbeitsplätzen. Rein theoretisch wäre diese Zahl  bis heute steil nach oben angestiegen. Allerdings macht der Fachkräftemangel dem Trend einen Strich durch die Rechnung. Aus diesem Grund wird davon ausgegangen, dass die genannten Zahlen auch zwei Jahre später noch weitestgehend aktuell sind.
Doch  es sieht so aus, als ließe sich die Datacenter-Branche hierzulande von der Misere in Sachen Fachkräftemangel nicht beirren, denn sie wächst stetig weiter. Im Grunde bleibt ihr auch nichts anderes übrig, denn die Nachfrage steigt stetig.

Dr. Ralp Hintemann Borderstep Bildquelle: © Borderstep

Ralph Hintemann, Gesellschafter und Senior Researcher am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit 

Am Anfang war die Administration
Eine Welt ohne Rechenzentren wäre heute nicht mehr vorstellbar, dabei fing alles so unspektakulär an. Sie existierten bereits vor dem Internet. In den 70er-Jahren wurden zentrale Rechenzentren zur Verarbeitung von großen Datenmengen genutzt und waren beispielsweise für umfangreiche Abrechnungsverfahren in der öffentlichen Verwaltung oder im Bankwesen notwendig. Etwa zwei Dekaden später erschienen die ersten kommerziellen Rechenzentren, die Serverkapazitäten auch externen Unternehmen anbieten, auf der Bildfläche. Seither entwickelt sich der Rechenzentrumsmarkt immer weiter. Dafür sorgen die stetig wachsenden Datenvolumina, die tagtäglich durch die Durchdringung der Digitalisierung aller Ebenen generiert werden. Nicht nur Wissenschaft und Forschung, Industrie, Gesundheitswesen, Luftfahrt, Handel oder Unternehmen erzeugen im Eiltempo ständig neue Daten. Auch private Haushalte schaffen durch die Nutzung des heimischen Rechners mit jedem Klick im Internet neue Datenströme. Seit der Einführung des mobilen Internets im Jahr 2007 und dem damit in
Zusammenhang stehenden exponentiell ansteigenden Gebrauch von Mobilgeräten wie Smartphones und Tablets oder der Anwendung von Social Media und unterschiedlichen Apps ist ein signifikantes Wachstum der IT-Kapazitäten in Rechenzentren zu beobachten.

Laut Borderstep nahm insbesondere die Anzahl der großen Rechenzentren (über 5.000 Quadratmeter) in den vergangenen Jahren deutlich zu. So befanden sich im Jahr 2007 lediglich 45 Rechenzentren dieser Größenordnung auf deutschem Boden. Rund acht Jahre später waren es bereits 70 Stück. Ein Rückgang der kleineren Rechenzentren (101 bis 500 Quadratmeter) ist parallel dazu nicht festzustellen. Zwischen 2007 und 2017 nahm ihre Anzahl von 1.700 auf 2.500 Stück sogar zu. Ein ähnlicher Trend lässt sich bei den Serverräumen (elf bis 100 Quadratmeter) feststellen. Während von diesen vor rund zwölf Jahren noch 18.100 Stück verzeichnet wurden, betrug ihre Zahl im Jahr 2017 rund 19.900.

Laut Ralph Hintemann ist eine genaue Betrachtung der Entwicklung des deutschen Rechenzentrumsmarktes jedoch schwierig: „Wir beobachten zur Zeit gegenläufige Trends im Markt. Zum einen gibt es immer mehr große Rechenzentren durch die weitere Konsolidierung, den Ausbau von Colocation-Kapazitäten und den Aufbau internationaler Hyperscale-Cloud-Rechenzentren. Zum anderen bauen auch kleine und mittlere Unternehmen immer noch eigene Rechenzentren auf und das Thema Edge-Computing gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das führt zu neuen kleinen Rechenzentren.“

Fest steht, dass der Umfang der Rechenzentrumsflächen (IT-Fläche) weiterhin einem ansteigenden Trend folget. Während im Jahr 2017 gut zwei Millionen Quadratmeter Fläche betrieben wurden, beträgt die Prognose für das Jahr 2020 aktuell etwa 2,3 Millionen Quadratmeter. Ebenso sollen die Investitionen mit höchster Wahrscheinlichkeit wie in den vergangenen Jahren weiter ansteigen. Die Gelder fließen dabei insbesondere in den Neubau und die Modernisierung der Rechenzentrumsinfrastruktur.

Jens Prautzsch Interxion Bildquelle: © Interxion

Jens Prautzsch, Managing Director bei Interxion

Kaum aktive Förderung für Datacenter-Neubau und -Modernisierung
Was das Volumen betrifft, rangiert Deutschland bereits seit einiger Zeit auf dem europäischen Rechenzentrumsmarkt an der Spitze. Laut Hintemann wurde die Position in den letzten drei Jahren sogar noch ausgebaut. Zweifellos zählt Deutschland aktuell zu den Ländern, die vom Boom in der Rechenzentrumsbranche profitieren. Das betrifft insbesondere den Bereich Colocation und den Raum Frankfurt. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Bundesrepublik in Hinblick auf das Wachstum etwas über dem Durchschnitt angesiedelt ist. Dennoch hat sie laut Hintemann in Europa nicht die Nase vorne – von Asien und USA ganz zu schweigen. Bei letzteren findet seit Jahren ein deutlich stärkerer Ausbau der Rechenzentrumskapazitäten statt.

Skandinavien, Irland und die Niederlande haben Deutschland in puncto große Cloud-Rechenzentren abgehängt. Diese Datacenter-Kategorie existiert hierzulande praktisch nicht und deutsche Betreiber büßen im Vergleich zum internationalen Wettbewerb deutlich Marktanteile ein.
Dahinter verbergen sich auch politische Gründe. Die Digitale Agenda 2014 bis 2017 der Bunderegierung schlägt zwar den  Ausbau einer flächendeckenden Breitbandinfrastruktur vor, Rechenzentren finden darin allerdings keine explizite Erwähnung. Zurecht bemängeln Hintemann und Clausen den Umstand, dass eine aktive Förderung lediglich durch das Bundesland Hessen erfolgt. Die Strategie Digitales Hessen sieht vor allem Handlungsbedarf bei Verwaltungsprozessen für Neubauten und Modernisierung. Darüber hinaus zielt sie auf Spitzenstandards bei der Energieeffizienz sowie auf Kooperation für IT-Sicherheit und Datenschutz ab. Ein weiterer Punkt besteht in der Forderung nach einer stärkeren Vernetzung der Forschung auf dem Gebiet der Rechenzentren.

Rechenzentrumsparadies Frankfurt
In Hessen, genauer gesagt in Frankfurt, sitzt das Epizentrum der Rechenzentrumslandschaft auf deutschem Terrain. Darüber hinaus stellt die Stadt den zweitgrößten europäische Rechenzentrums-Cluster nach London dar und zeichnet sich durch den weltweit höchsten Datenverkehr am Internetknoten DE-CIX aus. Dieser hat sogar noch einen Gang zugelegt und bietet inzwischen weltweit als erster Internetknoten die 400-GE-Zugangstechnologie an. Auch davon profitiert Frankfurt. Jens Prautzsch, Managing Director bei Interxion, schätzt in der hessischen Mentropole die hervorragende Verkehrs- sowie die Glasfaseranbindung an internationale Trassen. Weitere Pluspunkte Frankfurts sind für den Datacenter-Experten Connectivity und Datenaustauschmöglichkeiten, die gute Verfügbarkeit an Fachkräften  in der Region und die Internationalität des Standortes sowie die geographische Lage im Zentrum Deutschlands und Europas.

Allerdings ist der Fachkräftemarkt stark umkämpft. Zur Herausforderung werden laut dem Managing Directer von Interxion auch limitierende Faktoren wie die Stromversorgung und das Angebot an Flächen. „Bereits jetzt gibt es daher erste Ansiedlungen im näheren Umland, zum Beispiel in Hattersheim oder Offenbach. Dennoch wird sicherlich auch im Stadtgebiet das Wachstum weiterlaufen – gegebenenfalls etwas moderater als in den letzten Jahren“, betont Prautzsch.

Es ist zu hoffen, dass Deutschland am Ball bleibt und die Rechenzentrumslandschaft weiter ausbaut, denn nur so ist Digitalisierung möglich. In Frankfurt sieht alles danach aus, dort schießen neue Rechenzentren momentan wie Pilze aus dem Boden.