Verbrauch wider die Nachhaltigkeit

Wasserknappheit wegen Rechenzentren

27. Juni 2022, 8:01 Uhr | Lukas Steiglechner | Kommentar(e)
Daten, Meer
© Rolffimages / 123rf

Der Trend hin zu nachhaltigen Arbeitsprozessen ist branchenübergreifend. Auch Rechenzentren leisten dem Folge – in der Regel mit optimierten Rohstoffkreisläufen und geringerem Stromverbrauch. Vernachlässigt wird dabei jedoch der Wasserverbrauch, der bereits jetzt Wasserknappheit fördert.

In Teilen Europas herrscht wieder eine extreme Hitzewelle und die Vereinten Nationen schätzen, „dass ein 40-prozentiges Defizit der Süßwasserressourcen bis 2030 in Verbindung mit einer schnell wachsenden Weltbevölkerung den Planeten in eine globale Wasserkrise stürzen wird“. In vielen Regionen in Deutschland streiten sich Behörden, Landwirtschaft und Industrie zunehmend vor Gericht um das Wasser. Darum muss die IT-Branche ihren eigenen Beitrag zur Erhaltung dieser wertvollen Ressource leisten. Auch wenn sie fälschlicherweise als immateriell wahrgenommen werden, benötigen digitale Technologien und Cloud-Dienste sehr viel Wasser.

Wie jede Maschine wandelt auch ein Computer die elektrische Energie, mit der er angetrieben wird, in Wärmeenergie, also Hitze, um – der Joule-Effekt. Rechenzentren, die Zehntausende dieser Computer beherbergen, führen diese Abwärme ab und müssen kühl bleiben, um die Voraussetzungen für einen ordnungsgemäßen Betrieb zu gewährleisten. Dafür gibt es verschiedene Lösungen: Die Hitze auffangen und für andere Zwecke weiterverwenden, mit stromverbrauchenden Klimaanlagen kühlen oder mithilfe von Wasser, vor allem durch Verdampfung, die Temperaturen senken.

Wer bei der Kühlung auf Strom verzichten möchte, muss in der Regel auf Wasser zurückgreifen – und das häufig massiv. Rechenzentrumsbetreiber können dadurch auch mit immer besserer Energieeffizienz werben, besonders durch eine Verbesserung der „Power Usage Effectiveness“ (PUE). Die PUE ist ein bewährter Standard, der die Energieeffizienz von Rechenzentren – vor allem deren Kühlung – misst, aber dabei nur den Stromverbrauch berücksichtigt. Der Wasserverbrauch wird also komplett außer Acht gelassen. Das Problem wird verschoben – vom Strom- auf den Wasserverbrauch.

Dieses Phänomen nimmt inzwischen bedenkliche Ausmaße an: Der Wasserverbrauch der Rechenzentren belief sich in den USA im Jahr 2020 auf schätzungsweise 660 Milliarden Liter. Rechenzentren, die für ein funktionierendes Internet unerlässlich sind, verbrauchen – sogar in Trockengebieten – bis zu 3,8 Millionen Liter Wasser am Tag. Da es durch die vermehrte alltägliche Computernutzung immer mehr Rechenzentren gibt, zählt die IT-Branche bereits zu den Top 10 der Industrien mit dem höchsten Wasserverbrauch weltweit.

Ein weiteres Problem: eine anhaltende Intransparenz. Tech-Riesen berufen sich auf überzeugende Gründe wie ihr Geschäftsgeheimnis, Schutz von Kundendaten oder nationale Sicherheit. Ohne transparente Daten sind Verbesserungen jedoch nicht möglich. Da weniger als ein Drittel der Betreiber von Rechenzentren seinen Wasserverbrauch misst, verfügt derzeit keine Behörde oder wissenschaftliche Einrichtung über klare, objektive und einheitliche Angaben auf Makro- (regional, national, europäisch) oder Mikroebene (jedes einzelne Rechenzentrum).

Doch Kritik wird immer lauter: In den Niederlanden wird befürchtet, dass der Wasserverbrauch von Rechenzentren zu einer Trinkwasserknappheit in der Provinz Nordholland führen könnte. Dasselbe gilt für Irland: Hier fangen bereits einige Politiker an, sich aus Angst vor einer Wasserknappheit zu organisieren. In Frankreich, Luxemburg und Deutschland stoßen die Pläne für Mega-Rechenzentren auf immer mehr Fragen und Kritik.

Auch Reaktionen der IT-Branche werfen Zweifel auf. So ist nicht deutlich, was beispielsweise der Anfang 2021 ins Leben gerufene „Climate Neutral Data Centre Pact“ der bisher bewirkt hat. Ohne echte Transparenz sind die aktuell definierten Ziele für den Wasserverbrauch schwer nachverfolgbar. Deshalb werden sie von vielen Akteuren auch nicht erreicht und weniger ambitioniert verfolgt.

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