Flächendeckende Vernetzung

Regionale Internetknoten als Standortfaktor

4. Juli 2022, 11:15 Uhr | Autorin: Mareike Jacobshagen / Redaktion: Lukas Steiglechner | Kommentar(e)
Mann mit Laptop rennt auf einer Wiese
© fs; bowie15 / Adobestock

Immer häufiger setzen Anwendungen geringe Latenzen voraus und die Ansprüche an die Netzinfrastruktur wachsen. Regionale Internetknoten können jedoch helfen, die Anbindung von Unternehmen außerhalb der Ballungsräume zu verbessern, und gleichzeitig die Chance auf wirtschaftliches Wachstum erhöhen.

In der digitalen Geschäftswelt steigen die Anforderungen an die Vernetzung parallel zum Wachstum der digitalen und cloudbasierten Dienste. Laut einer OECD-Studie hat die Corona-Pandemie den Bedarf an stabilem, schnellem und effizientem Internet für Millionen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern nochmals erhöht. Sie sind auf Videoanrufe, stabile VPN-Verbindungen und einen schnellen Zugriff auf digitale Arbeitsmaterialien angewiesen – wobei oft jede Millisekunde zählt.

Die Latenz, also die Zeit, die Daten zur Verarbeitung an ihr Ziel und wieder zurück benötigen, ist dabei eine der entscheidenden Bezugsgrößen. Eine zu hohe Latenz kann beispielsweise die Verzögerung verursachen, die bei ruckelnden Videokonferenzen zu beobachten ist. Nicht nur Videocalls, praktisch alle Echtzeit-Anwendungen sind latenzempfindlich. Dennoch besteht die Erwartung, dass die Services überall gleich gut funktionieren – sei es in der Großstadt oder auf dem Land.

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Kurz erklärt: Latenz
Latenz beschreibt die Verzögerung beispielsweise zwischen der Aktion eines Nutzers und der Reaktion einer Website oder Anwendung auf diese Aktion. In der Fachsprache bezeichnet dies die Roundtrip-Zeit, die ein Datenpaket für seine Reise benötigt. Sie wird in Millisekunden gemessen und die Qualität einer Internetverbindung hängt ganz entscheidend von dieser Größe ab: Je geringer die Latenz, desto besser sind meist die Anwendungs-Performance und somit die User Experience.

 

Stabile und schnelle Internetverbindung – auch außerhalb der Städte

Mit einem Wandel hin zu Remote- und mobilen Arbeitsweisen wird eine stabile Internetverbindung zu einem Grundbedürfnis in Privathaushalten. Als Folge müssen überall in Deutschland verlässliche Verbindungen bereitstehen – in Ballungszentren genauso wie in kleineren Städten und ländlichen Regionen. Das beherrschende Thema im öffentlichen Diskurs ist dabei zumeist der Breitbandausbau. Doch dieser allein reicht nicht aus: Um sicherzustellen, dass die regionale Konnektivität genauso gut ist wie die Konnektivität nahe der großen Knotenpunkte, kommt es – trotz Breitband – auch auf einen effizienten Datentransport und kurze Wege an. Hierfür ist wiederum ein Ausbau lokaler digitaler Infrastruktur entscheidend. Damit gehen neben dem Ausbau von Hochgeschwindigkeits-Breitbandnetzen auch Investitionen in lokale Rechenzentren einher oder die Errichtung von Internet Exchanges (IX) vor Ort, um verlässliche Konnektivität mit niedrigen Latenzzeiten zu erreichen.

Kurz erklärt: Interconnection
Interconnection bezeichnet eine Verbindung zwischen zwei oder mehreren Parteien zum Austausch von Daten. Im Rahmen der Telekommunikation ist unter Interconnection entweder eine physische Verbindung zwischen dem Netzwerk eines Carriers und einem Rechenzentrum gemeint, zwischen einem Carrier oder  einem ISP und seinen Kunden oder zwischen mehreren Carriern, Rechenzentren, ISPs, Unternehmen und anderen Partnern.

 

Regionale Vernetzung erhöht die Wettbewerbsfähgkeit

Investitionen in bessere regionale Konnektivität kommen nicht nur Privathaushalten zugute: Internet Exchanges vor Ort bieten enorme Wachstumschancen für Städte und ihre Wirtschaft. Ein Internetknoten vor Ort kann die Latenzzeiten zwischen angeschlossenen Unternehmen verringern und, wenn er Teil eines größeren Ökosystems von Internetknoten ist, darüber hinaus die Performance und die Ausfallsicherheit von Anwendungen wie Cloud Computing, VoIP-Verbindungen, Videokonferenzen und diverse Online-Tools verbessern. Auch in Bezug auf die Zukunftssicherheit einer regionalen Digitalwirtschaft ist das ein Argument: Die Anwendungen, auf denen die digitale Zukunft aufbaut, erfordern sehr niedrige Latenzzeiten. Kritische Anwendungen, die Echtzeitreaktionen erfordern, wie autonomes Fahren, benötigen Latenzen im Bereich von ein bis drei Millisekunden und müssen daher in einem Umkreis von 50 bis 80 Kilometern vom Nutzer gehostet werden. Mittels der direkten Vernetzung an einem Internetknoten kommen die Daten vom Ort der Verarbeitung auf schnellem Wege zum Endnutzer.

Um das Wachstumspotenzial von Wirtschaftsregionen und Städten abseits der großen Metropolen auszuschöpfen und zukunftssicher zu machen, werden neben einer guten Breitbandinfrastruktur also Rechenzentren benötigt, die das Herzstück der regionalen Vernetzung bilden. Diese Rechenzentren können Zugang zu einem verteilten Internetknoten oder einer Interconnection-Plattform bieten, die verschiedene Dienste für Internetanbieter und Unternehmensnetze bereitstellt. Betrieben lokale Internetanbieter oder Rechenzentren einen solchen regionalen Internet Exchange, können sie verschiedene Interconnection-Dienste – vom Peering am lokalen IX bis zur Direktanbindung an die Clouds der Hyperscaler – für die Unternehmen vor Ort anbieten.

Laut einer Studie des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsordnung steigert schnelles Breitbandinternet das regionale BIP. Demnach sind Städte mit einer hoch entwickelten digitalen Wirtschaft wettbewerbsfähiger und wachsen schneller als ihre analogen Pendants. Die Studie zeigt zudem, dass nicht nur die jeweilige Region von einer guten Breitbandinfrastruktur profitiert, sondern auch benachbarte, weniger gut angebundene Gegenden. Das ist für kleinere Städte eine Chance, sich im Wettbewerb um die besten Standorte für die Digitalwirtschaft zu positionieren, und kann ein Anreiz für Stadt- oder Kreisverwaltungen sein, Wirtschaftsförderung im Bereich digitaler Infrastrukturen zu betreiben. Ein regionaler IX bildet die Basis dafür. Ein Internetknoten in einer Stadt kann zu einer besseren und kostengünstigeren Konnektivität führen sowie zu erweiterten Möglichkeiten für Unternehmen, miteinander zu interagieren und neue digitale Dienstleistungen zu schaffen. Auf lange Sicht kann so die optimierte Konnektivität vor Ort gegebenenfalls auch zu mehr Gewerbesteuereinnahmen führen und den Zuzug hochqualifizierter Arbeitnehmer begünstigen.

Frankfurt am Main ist hierfür als Internethauptstadt ein Paradebeispiel. Dort ist eine gut ausgebaute Infrastruktur vorhanden sowie viele Rechenzentren und der weltgrößte Internetknoten. Zwar wird es nicht so schnell ein zweites Frankfurt geben, doch kann ein ähnlicher Effekt in kleinerem Maßstab erzielt werden. Kommunen, die nachhaltiges Wachstum in der Digitalwirtschaft fördern sowie Unternehmen und Arbeitgeber anziehen wollen, sollten den Ausbau der örtlichen Infrastruktur ins Auge fassen.

Denn auch Daten können sich nicht unendlich schnell bewegen. Sind die Latenzanforderungen so hoch, dass es auf den einstelligen Millisekunden-Bereich ankommt, müssen die Übertragungswege kurz gehalten werden. Und in Zukunft wird es wesentlich mehr Services mit derart hohen Anforderungen geben. Um also eine bestmögliche User Experience sowie höchste Sicherheit und Performance bei Anwendungen im Bereich Digital Health, Mobilität oder auch Finanzen zu gewährleisten, müssen die digitalen Infrastrukturen weiter ausgebaut und verstärkt auf dezentrale Rechenzentren und Knotenpunkte in Endnutzernähe gesetzt werden. Probleme der Konnektivität dürfen auch hierzulande im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kein Hindernis mehr für Homeoffice, Distanzunterricht oder neue innovative Dienstleistungen darstellen.

Mareike Jacobshagen, Head of Global Business Partner Program beim DE-CIX


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