Infrastrukturverkabelung rezertifizieren

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Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Zeitsparen mit der richtigen Software

Bisher konnten solche Fehler vielfach nur mit einer Neu-Vermessung der Anlage behoben werden, was viele Stunden an vorangegangener Messarbeit zunichtegemacht hat. Oftmals sind diese Probleme auf Bedienungsfehler oder mangelhafte Kenntnis über Anforderungen an die verbauten Komponenten in der Verkabelung zurückzuführen.

Mithilfe von Datenmanagementsoftwares ist es wie bereits erwähnt möglich, Messungen, die mit falschen Messstandards durchgeführt und abgespeichert wurden, mit geringem Aufwand zu korrigieren. Bei der sogenannten Re-Zertifizierung kann vom Nutzer der richtige Messstandard nachträglich über die ursprünglichen Messdaten gelegt werden. Dabei bleibt die Datenintegrität erhalten, da lediglich die neu gewählten Messstandards auf die bereits gemessenen Strecken angewandt werden und die Messwerte unberührt bleiben.

Um eine Re-Zertifizierung möglich zu machen, ist es erforderlich, die Messungen in den kleineren Klassen über die Nominalfrequenz hinaus durchzuführen und im Hintergrund abzuspeichern. Der Zertifizierer speichert beispielsweise für die Leistungsklassen bis zu EA bis 600 MHz Messdaten ab, um eben auch “nach oben“ rezertifizieren zu können. Für die höheren Leistungsklassen werden sogar Messwerte bis 2.500 MHz im Hintergrund dokumentiert.

Es sind natürlich nur Re-Zertifizierungen realisierbar, die standardkonform sind. So ist es zum Beispiel nicht möglich, die Messung einer Übertragungsstrecke (Channel Link) in eine Verkabelungsstrecke (Permanent Link) zu ändern und so die Integrität der Messdaten zu beschädigen. Systeme, die so etwas zulassen, bewegen sich am Rande der Legalität.

Darüber hinaus ist die Re-Zertifizierung dann praktisch, wenn geprüft werden soll, ob bereits vermessene ältere Anlagen auch schnellere Übertragungsstandards und Anwendungen unterstützen. Mit zunehmendem Abstand zum Messzeitpunkt kommt es bei der Re-Zertifizierung jedoch zu Einschränkungen. Sollten die Messungen schon einige Jahre zurückliegen, kann eventuell keine verbindliche Aussage mehr über den Zustand der Anlage in der Gegenwart getroffen werden. Auch wenn Komponenten der Verkabelungsstrecke getauscht wurden, ist die alte Messung ungültig. Hier muss eine echte Nachmessung erfolgen, um einen einwandfreien Aufbau und die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur zu belegen.

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NVP-Wert steuert Längenmessung

Um mit einem Zertifizierungsgerät die Länge einer Verkabelungstrecke zu messen, wird durch eine Reflexionsmessung die Laufzeit eines Testsignals ermittelt, und zwar ausgehend vom Messgerät und der Reflektion am Ende der Strecke. Anschließend wird der Wert durch zwei geteilt und mit seiner Signalausbreitungsgeschwindigkeit multipliziert. Diese Geschwindigkeit ist abhängig vom Aufbau des verwendeten Kabels und wird als relativer Faktor der Lichtgeschwindigkeit angegeben. Dieser Faktor trägt unterschiedliche Bezeichnungen, etwa Verkürzungsfaktor, Längenfaktor oder auch sehr häufig NVP-Wert, also die nominale Ausbreitungsgeschwindigkeit (Nominal Velocity of Propagation).

Typische NVP-Werte liegen für ein modernes Kategorie-7- oder 7A-Kabel im Bereich von 0,78 bis 0,82, das bedeutet 78 Prozent bis 82 Prozent der Lichtgeschwindigkeit (circa 300.000 km/s). Da der NVP-Wert direkt proportional in die Längenformel eingeht, resultiert ein zu kleiner Wert in eine zu kurze Längenangabe und umgekehrt ein zu großer NVP-Wert in eine zu lang ausgewiesene Strecke. Um hier gegen die Verlockung anzukämpfen, dem Messgerät generell zu hohe NVP-Werte vorzugeben, um sich dadurch bei der Längenabrechnung über das Messprotokoll einen kleinen Vorteil zu schaffen, wird der verwendete Wert auf jeder Seite des ausführlichen Messberichtes mitaufgeführt. Ein kurzer Quervergleich des Kunden von Messbericht und Datenblatt hat schon oft für große Schwierigkeiten gesorgt.

Der NVP-Wert auch der am meisten falsch gesetzte Wert bei einer Messung, ob aus Unkenntnis oder absichtlich. Mit der – entsprechenden Datenmanagementsoftware besteht allerdings die Möglichkeit, den NVP-Wert einer Messung als Re-Zertifizierung umzusetzen und zu korrigieren, ohne Messungen erneut durchführen zu müssen. Auch hier ist die Integrität der Messdaten gewährleistet, da die Werte der Laufzeitmessung nicht angetastet werden und nur der externe Faktor in der Berechnungsformel der Länge verändert wird.

Vielfältige Anforderungen

Die Anforderungen an moderne Software für Verkabelungszertifizierer beschränken sich mittlerweile nicht mehr nur darauf, den Techniker bei der Verwaltung und Auswertung seiner Messdaten zu unterstützen. Längst wird von einer Software ein umfangreiches Tool erwartet, welches den Messtechniker bei seiner Arbeit unterstützt. Ziel ist es, zum einen durch die Zeitersparnis im Vorfeld effizienter arbeiten zu können, zum anderen aber auch Einstellungsfehler ohne eine erneute Abnahmemessung im Nachgang zu korrigieren zu können, sowie Anlagen auf neue Übertragungsstandards zu zertifizieren, solange die erhobenen Messdaten noch die reale Verkabelung der Anlage widerspiegeln. Diese Funktionen erlauben es in Zukunft, den Installationsbetrieben bei Abnahmemessungen Zeit und Ressourcen zu sparen und gängige Einstellungsfehler nachträglich mit geringem Aufwand am PC zu korrigieren, ohne die Integrität der Daten zu beeinträchtigen.


Alfred Huber ist Leiter Technik bei Softing IT Networks.


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