Projekt SPELL: KI-gestützte Vernetzung

Mehr Durchblick für Leitstellensysteme in Krisenzeiten

24. September 2021, 11:00 Uhr | Diana Künstler | Kommentar(e)
Leitstelle, Monitore, Überwachung
© cylonphoto/123rf

Wie können moderne Technologien eingesetzt werden, um die Gesellschaft besser vor katastrophalen Ereignissen zu schützen? Das Projekt „SPELL“ hat sich diesem Thema angenommen. Ein Interview mit Dr. Clemens Gause, Geschäftsführer des Konsortialpartners Verband für Sicherheitstechnik e.V.

Ereignisse wie die weltweite Coronavirus-Pandemie oder die Flutkatastrophe 2021 haben das Thema des Krisenmanagements noch stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Wie können dabei moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um die Gesellschaft noch besser vor solchen Ereignissen zu schützen? Das neu gestartete Projekt „SPELL“, das im Rahmen des KI-Innovationswettbewerbs durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird, hat sich diesem Thema angenommen. Dabei soll ein digitales Ökosystem mit KI-basierten Diensten zur Unterstützung unterschiedlicher Leitstellen und Lagezentren in Krisensituationen entstehen. Wie SPELL dieses Vorhaben angehen will, erklärt Herr Dr. Clemens Gause, Geschäftsführer des Konsortialpartners Verband für Sicherheitstechnik e.V. im Interview.

Dr. Clemens Gause, VfS
Dr. Clemens Gause, Geschäftsführer des Konsortialpartners Verband für Sicherheitstechnik e.V.: „Wenn wir ein Muster finden und einen Algorithmus entwickeln können, der sich auch auf einen viel größeren Kontext skalieren lässt, kann das einen großen Schub für die gesamtgesellschaftliche Resilienz bedeuten.“
© VfS

Herr Dr. Gause, SPELL soll es Leitstellen und Lagezentren zukünftig ermöglichen, schneller und effizienter auf Krisensituationen zu reagieren. Wie kann das funktionieren?

Clemens Gause: Wir haben im Rahmen der Pandemie oder jüngst bei der Flutkatastrophe noch einmal erlebt, welche tiefgreifenden Auswirkungen Großschadensereignisse haben können. Da sind weitreichende Wirtschafts- und Lebensbereiche betroffen, die im Normalfall meist wenig Bezugspunkte zueinander haben. Um Gefahren einzudämmen und Schäden zu minimieren, müssen situationsspezifisch unterschiedliche Akteure wie Leitstellen und Lagezentren effizient zusammenarbeiten. Das ist aktuell leider nur bedingt möglich, da es an der technischen Infrastruktur zur Vernetzung mangelt. Viele Leitstellen sind immer noch in sich geschlossene Technologieinseln, wo selbst interne technische Anlagen wenig interoperabel sind. Es gibt beispielsweise Leitstellen, die noch Technik aus den 1990er-Jahren verbaut haben, gleichzeitig aber auch mit modernen Rechnern ausgestattet sind. Diese unterschiedlichen technischen Anlagen kommunizieren nicht oder zu wenig miteinander. SPELL will diese Kommunikation nicht nur intern, sondern auch über verschiedene Leitstellen hinweg verbessern. So kann eine deutlich schnellere Reaktion auf Krisenereignisse möglich gemacht werden.

Wie genau kommt KI bei diesem Vorhaben zum Einsatz?

Gause: Ja, in der Tat, was hat Künstliche Intelligenz damit zu tun? Wir selbst gehen in der öffentlichen Sicherheit vom sogenannten Systemansatz aus. Das bedeutet, dass wir immer nach Mustern suchen, um darauf reagieren zu können oder Prozesse vorherzusehen. KI ist prädestiniert dafür, uns Menschen diese Aufgabe abzunehmen, denn Künstliche Intelligenz ist letztendlich nichts anderes als algorithmische mathematische Verfahren, die Erkenntnisse aus Datenmustern gewinnt. Die Wahrnehmung der KI kann durch die Analyse großer Datenmengen immer weiter verbessert werden, sodass sie immer mehr Muster erkennt, die für die Eindämmung von Krisensituationen nützlich sind. Das können auch Muster sein, bei denen zunächst nicht klar ist, inwiefern sie uns nützen, die im Endeffekt oder zu einem späteren Zeitpunkt aber doch hilfreich sein können. KI und andere Datentechnologien können uns in solchen Krisensituationen, wo es manchmal auch um Sekunden gehen kann, einen deutlichen Zeitgewinn und Wissensvorsprung verschaffen.

Dazu sind enorme Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen notwendig. Woher kommen die Daten?

Gause: Das Hauptproblem ist nicht, dass wir irgendwie Daten generieren müssen. Wir müssen stattdessen bestehende Daten besser nutzbar machen, sozusagen bereits existierende Datenschätze bergen. Das funktioniert, indem wir die Daten, die in den Leitstellen schon zahlreich vorhanden sind, in ein einheitliches Format bringen und sie im Anschluss über passende Schnittstellen bündeln. In Gebäuden gibt es zum Beispiel ganz viele Sensorsysteme, die am laufenden Band Daten generieren, zum Beispiel wo und wann sich Menschen im Gebäude aufhalten. Sie liegen meist ungenutzt auf irgendwelchen Servern. Wenn wir Zugriff auf diese Daten haben, könnte uns die KI sagen, wie viele Menschen sich normalerweise zu einem bestimmten Zeitpunkt in diesen Räumen aufhalten und welche Räume in der Regel leer sind. Das könnten sehr wichtige Informationen sein, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Gebäude schnell zu evakuieren und Fluchtwege zu bestimmen. Um entsprechende Formate und Schnittstellen zu definieren, tragen unsere Konsortialpartner wie zum Beispiel die beiden Fraunhofer-Gesellschaften, aber auch andere Institute bis hin zu kleinen Mittelständlern enormes Know-how zu SPELL bei, etwa aus Themenfeldern wie der Gebäudetechnik oder der öffentlichen Sicherheit.


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