Breitbandausbau

„Die Zukunft ist digital“

13. Januar 2023, 8:00 Uhr | Interview: Diana Künstler | Kommentar(e)
Sören Trebst von 1&1 Versatel
Sören Trebst verfügt über langjährige Erfahrungen in der Telekommunikationsbranche. Seit April 2020 ist er CEO von 1&1 Versatel, einem Düsseldorfer Telekommunikationsanbieter mit Fokus auf Geschäftskunden. Seit Mitte 2014 ist der Provider ein Tochterunternehmen von United Internet.
© 1&1 Versatel

Deutschland wird zum Breitbandland, so der erklärte Wunsch der Politik. Damit das aber nicht nur als theoretisches Ziel auf dem Papier steht, sondern tatsächlich bei Privat- wie Business-Unternehmen ankommen kann, bedarf es weiterer Schritte. Ein Interview mit Sören Trebst von 1&1 Versatel.

Tiefbauverfahren
Beim Tiefbauverfahren in offener Bauweise werden Leerrohre in Gräben verlegt. Im Nachgang erfolgt der Kabelzug beziehungsweise das Einblasen der Kabel.
© Berndt Fotografie Köln / 1&1 Versatel, 2019

funkschau: Wo liegen für 1&1 Versatel die Herausforderungen bei der Umsetzung der ambitionierten Breitbandziele?

Sören Trebst: Als Telekommunikationsunternehmen tragen wir eine besondere Verantwortung, die Digitalisierung unseres Landes voranzutreiben. Wir setzen uns daher bereits seit vielen Jahren mit Nachdruck und auf eigenwirtschaftlicher Basis für die Gigabit-Erschließung von Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und Kommunen ein. Ein flächendeckendes Glasfasernetz ist jedoch nur mit vereinten Kräften möglich. Das gilt auch für den Aufbau des neuen 5G-Mobilfunknetzes unserer Schwestergesellschaft 1&1, bei dem wir als Infrastrukturdienstleister zentrale Aufgaben übernehmen. Um den aktuellen Glasfaser-Flickenteppich in unserem Land in ein flächendeckendes Gigabit-Netz zu verwandeln, braucht es aber auch politische Rahmenbedingungen und gezielte Partnerschaften.

funkschau: Inwiefern kann die Politik hier noch mehr unterstützen?

Trebst: Es ist ein enger Schulterschluss von Politik und Netzbetreibern gefragt. Mit dem Glasfaserpakt in Hessen wurde im Mai 2022 ein wichtiger Grundstein gelegt – insbesondere der von der Landesregierung unterstützte Bürokratieabbau und die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren werden der Umsetzung der Ausbauziele auch in Zukunft zugutekommen. Darüber hinaus liegt uns ein Punkt sehr am Herzen: Gigabitnetzausbau und Gigabitnetzauslastung gehören zusammen. Daher müssen auch Kooperationen, Open-Access-Plattformen und andere Formen der Zusammenarbeit gestärkt und gefördert werden – auch, um bereits vorhandene Netze optimal auszulasten und möglichst vielen Nutzerinnen und Nutzern Zugang zu leistungsfähigem Internet zu ermöglichen.

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„Glasfaser ist die einzige Übertragungstechnologie, die den zunehmenden Bedarf durch Internet of Things (IoT), Cloud-Dienste oder eine hohe Anzahl von mobilen Endgeräten langfristig abdecken kann.“

funkschau: Zahlreiche Akteure – sei es aus Politik oder der TK-Branche – treiben den Glasfaserausbau voran. Wie wichtig ist es vor diesem Hintergrund, gezielte Partnerschaften einzugehen?

Trebst: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir gemeinsam schneller vorankommen. Bei der Etablierung einer deutschen Glasfaserinfrastruktur bedeuten Partnerschaften und gebündelte Verantwortlichkeiten eine deutliche Beschleunigung von Ausbauvorhaben. Gezielte Kooperationen sind ein zentraler Hebel, damit Deutschland zum Breitbandland wird. Mit vitronet haben wir im Juni 2022 zum Beispiel einen sehr erfahrenen Partner in der Abwicklung von Erschließungsprojekten gewonnen. Neben dieser Partnerschaft sind Synergien im Tiefbau oder auch beim Vertrieb essenziell. Nur wenn wir vernetzt denken und Hand in Hand zusammenarbeiten, werden wir erfolgreich sein.

Tiefbau
Mit dem klassischen Tiefbauverfahren kann pro Tag eine Strecke von rund 50 Metern mit Leerrohren ausgestattet werden.
© Berndt Fotografie Köln / 1&1 Versatel, 2019

funkschau: Es gibt Marktbegleiter, die in der verstärkten Akzeptanz alternativer Aufrüstungsmethoden – Stichwort Vectoring – die Chance sehen, den Netzausbau zu beschleunigen. Wie sehen Sie das?

Trebst: Schon in naher Zukunft wird ein Großteil der deutschen Haushalte und Unternehmen Bandbreitenbedarfe haben, die mit herkömmlichen Kupferleitungen nicht mehr gedeckt werden können. Die Zukunft ist digital und Glasfaser ist die einzige Übertragungstechnologie, die den zunehmenden Bedarf durch das Internet of Things (IoT), Cloud-Dienste oder eine hohe Anzahl von mobilen Endgerätenden langfristig abdecken kann. Gesellschaft und Wirtschaft benötigen daher flächendeckend leistungsfähige Glasfasernetze bis ins Gebäude. Aus diesem Grund liegt unser Fokus bei 1&1 Versatel auf dem Glasfaserausbau. Aber natürlich umfasst unser Lösungsspektrum auch andere Übertragungstechnologien, die wir begleitend und in der Übergangszeit berücksichtigen. So können im Rahmen von Redundanzkonzepten auch VDSL-Vectoring und damit Kupferleitungen zum Einsatz kommen. Unser Hauptziel ist und bleibt es jedoch, unseren Kundinnen und Kunden die schnellste, stabilste und zukunftsfähigste Anbindung zur Verfügung zu stellen. Und das ist ganz klar Glasfaser.

funkschau: Welche Leistungen kann 1&1 Versatel auf Basis des Glasfasernetzes speziell für Businesskunden bereitstellen?

Trebst: Glasfaseranschlüsse ermöglichen Internet-Geschwindigkeiten von bis zu 100 GBit/s und lassen damit andere Übertragungstechnologien im direkten Geschwindigkeitsvergleich weit hinter sich. Kupferleitungen (also DSL und Vectoring) schaffen höchstens 250 MBit/s und bei den Koaxialnetzen der TV-Kabelanbieter ist im Download bei maximal 1 GBit/s Schluss, im Upload sogar schon bei 50 MBit/s. Damit ist Glasfaser die einzige Übertragungstechnologie, die den steigenden Bandbreitenbedarf auch langfristig abdecken kann. Manche Anwendungen, wie das Internet of Things (IoT) oder KI-basierte Services, werden durch die hohen Bandbreiten von Glasfaseranschlüssen überhaupt erst möglich. Und auch da, wo es heute noch keinen akuten Bedarf an höheren Bandbreiten gibt, kann es in Zukunft Geräte oder Dienste geben, die auf eine Übertragungstechnologie in Gigabit-Geschwindigkeit angewiesen sind, zum Beispiel sichere Zahlungssysteme, digitalisierte Lieferdienste oder Virtual-Reality-Anwendungen.

Immer wichtiger wird außerdem die symmetrische Anbindung – also die gleiche Geschwindigkeit im Up- und Download. Während beim einfachen Internetsurfen DSL- oder TV-Kabelanschlüsse mit wesentlich geringerer Upstreamleistung ausreichen, benötigen relevante Geschäftsanwendungen wie Cloud-Applikationen oder Videokonferenzen symmetrische Bandbreiten, die nur echte Glasfaseranschlüsse bieten. Allerdings verpufft der Geschwindigkeitsvorteil wieder, wenn auf der letzten Meile Kupfer zum Einsatz kommt. Daher sind alle von uns realisierten Glasfaseranschlüsse FTTH – gehen also direkt bis ins Gebäude. Diese FTTH-Glasfaseranschlüsse für Geschäftskunden sind die Kernleistung unseres Geschäfts.
Darüber hinaus sind wir Lösungsanbieter für alle Anforderungen der modernen Telekommunikation unserer Gigabit-Gesellschaft. Wir bieten individuelle Lösungen im Bereich Vernetzung und IT-Services an. Mit intelligenten Standortvernetzungen binden wir Mitarbeitende, Firmenstandorte und Rechenzentren effizient in Firmennetzwerke ein. Unsere starken IT-Security-Lösungen schützen Unternehmen vor Cyberangriffen, Viren und Fremdzugriffen auf ihre Netzwerke – ein Thema, dem eine immer größer werdende Bedeutung zukommt.

funkschau: Während Unternehmen relativ schnell digital nachrüsten können, haben die letzten zwei Jahre die Erkenntnis gebracht, dass sich deutsche Schulen und Behörden schwerer tun. Wo sehen Sie die Gründe hierfür? Und wie lässt sich gegebenenfalls gegensteuern?

Trebst: Schulen und Behörden im ganzen Land stehen vor der Herausforderung, ihre Angebote und Verwaltungen zu digitalisieren, denn aktuell erfüllen sie oft die hierfür notwenigen technischen Voraussetzungen nicht. Damit der Sprung ins digitale Zeitalter gelingt, ist schnelles Handeln aller verantwortlichen Akteure gefragt. Es wird eine leistungsfähige Telekommunikationsinfrastruktur gebraucht, wo möglich auf Basis von Glasfaser. Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie haben digitale Lehr- und Lernmethoden an Schulen in ganz Deutschland Einzug gehalten. Dennoch reichen die zur Verfügung stehenden Bandbreiten häufig nicht aus.

1&1 Versatel hat im Bildungsbereich bereits zahlreiche Digitalisierungsprojekte realisiert. So haben wir zwischen 2017 und 2020 über 600 Schulen in ganz Schleswig-Holstein ans Glasfasernetz gebracht. Ein besonders gelungenes Beispiel ist zudem die Rundumlösung für den Dansk Skoleforening for Sydslesvig e.V., der in Schleswig-Holstein zahlreiche Schulen und Kindergärten betreibt: Die Kindergärten werden mit Bandbreiten von je 100 MBit/s und die Schulen mit je 1 GBit/s ans Internet angebunden. Über eine SD-WAN-Standortvernetzung können Lehrkräfte zudem ortsunabhängig auf alle zentralen Dienste und Anwendungen im Vereins-Rechenzentrum wie etwa Telefonie-Server oder Drucker zugreifen. Eine ebenfalls integrierte Sicherheitslösung steuert und überwacht den gesamten Internetverkehr des Vereins, von der Abwehr von Cyber-Attacken bis hin zur Sperrung bestimmter Websites unter Jugendschutzgesichtspunkten. Bis Ende 2024 werden wir außerdem mehr als 550 Berliner Schulen mit Glasfaser ausstatten. In Schleswig-Holstein und Berlin funktionieren die Digitalisierungsprojekte so gut, weil die Bundesländer sich der Verantwortlichkeit der Digitalisierung angenommen und die Glasfaserversorgung der Schulen damit zur Landesaufgabe gemacht haben. Die beiden Länder stellen allen Schulen ein einheitliches Budget für Glasfaseranschlüsse zur Verfügung.

Damit Deutschland auch in Zukunft in der oberen Bildungsliga mitspielen kann, müssen alle verantwortlichen Akteurinnen und Akteure in Bund und Ländern jetzt reagieren, die Digitalisierung forcieren und die Schulen nicht sich selbst überlassen. Es bedarf zentraler Projekte in denen Bildungseinrichtungen Hand in Hand mit Kommunen und Telekommunikationsanbietern Lösungen entwickeln und konsequent umsetzen.

„Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie haben digitale Lehr- und Lernmethoden an Schulen in ganz Deutschland Einzug gehalten. Dennoch reichen die zur Verfügung stehenden Bandbreiten häufig nicht aus. [...] Es bedarf zentraler Projekte, in denen Bildungseinrichtungen Hand in Hand mit Kommunen und Telekommunikationsanbietern Lösungen entwickeln und konsequent umsetzen.“

funkschau: Inwiefern liefert ein leistungsfähiges Glasfasernetz die Voraussetzung für einen flächendeckenden 5G-Netzausbau?

Trebst: Autonomes Fahren, Industrie 4.0 und Smart Cities: All das wird mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G in Zukunft möglich sein. Doch auch Privatkundinnen und -kunden profitieren vom 5G-Netz. Durch die hohen Kapazitäten können sie bei Festival- oder Stadionbesuchen ihre Eindrücke ohne Probleme und gleichzeitig auf Social Media hochladen, parallel Videos streamen und in Gigabit-Geschwindigkeit surfen. Mit Spitzendatenraten von bis zu 20 GBit/s überträgt die neue Technik große Datenmengen quasi in Echtzeit.

Der erfolgreiche Glasfaserausbau bildet die Basis für die fünfte Mobilfunkgeneration, die technisch einige Herausforderungen mit sich bringt. So beträgt die Reichweite der Highspeed-Sendemasten nur wenige Hundert Meter. Für eine Flächenabdeckung ist daher eine hohe Anzahl an Sendeanlagen notwendig, die wiederum über Rechenzentren als übergeordnete Netzknoten miteinander verbunden werden müssen. Für den schnellen Datentransport ist die Anbindung der Mobilfunkanlagen an die Netzknoten entscheidend. Die technisch einzig sinnvolle Option, um die Potenziale von 5G langfristig voll auszuschöpfen, ist Glasfaser.

funkschau: Welche Aufgaben übernimmt 1&1 Versatel beim Aufbau des 5G-Netzes hierzulande und in Europa?

Trebst: Das neue Mobilfunknetz unserer Schwestergesellschaft 1&1 wird das europaweit erste vollständig virtualisierte 5G-Netz auf Basis der neuen Open-Ran-Technologie sein. Als Infrastrukturdienstleister der United Internet Gruppe übernehmen wir dabei zwei zentrale Aufgaben: Zum einen stellt 1&1 Versatel den Backbone zur Verfügung und übernimmt den Aufbau und Betrieb des deutschen Transportnetzes. Zum anderen stellen wir die Rechenzentrumsinfrastruktur für das 1&1-Mobilfunknetz bereit. An das Kernnetz werden dezentrale Rechenzentren in ganz Deutschland angeschlossen, die wiederum per Glasfaser mit Tausenden 1&1-Antennenstandorten verbunden werden. Diese Architektur ermöglicht extrem kurze Übertragungswege, die für Echtzeitanwendungen unabdingbar sind. Denn nur Glasfaserkabel ermöglichen die Übertragungen zwischen Mobilfunkantennen und Rechenzenten mit der geforderten hohen Datenrate. Sie sind zudem deutlich weniger störanfällig und bieten so die nötige Stabilität, um auch kritische Industrieprozesse zuverlässig abzubilden.


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