Mainframes

Der lange Abschied

19. Mai 2022, 10:12 Uhr | Lukas Steiglechner | Kommentar(e)
Rechner, Lichter
© Icetray / 123rf

Mainframes bilden bis heute einen geschäftskritischen IT-Baustein für Unternehmen aus dem Finanzwesen, der Versicherungsbranche und auch im öffentlichen Sektor. Fujitsu hat seine Mainframe-Produkte jetzt aber abgekündigt – und sich doch gleichzeitig zu den Großrechnern bekannt.

Florian Holl, Fujitsu
Florian Holl, Head of EPS Co-Creation Projects bei Fujitsu Deutschland: „Eine Verlagerung in die Cloud kommt für bestimmte Bereiche wie den öffentlichen Sektor in Europa absehbar nicht in Frage.“
© Fujitsu

Fujitsu hat den Abschied von seinen Mainframe-Produkten angekündigt – zumindest einem Teil. Es ist der aktuellste Schritt in einer langen Entwicklung. Denn schon seit Jahren steht im Markt immer wieder das grundsätzliche Ende entsprechender Großrechner zur Diskussion. Es sind Systeme, die in ähnlicher Form schon in den 1950er-Jahren in Forschungs- und Militäreinrichtungen Verwendung fanden, später aber auch kontinuierlich Einzug in Unternehmen hielten. Das Konzept Mainframe ist bis heute relevant, entsprechende Lösungen nach wie vor beispielsweise in Großunternehmen wie Banken und Versicherungen im Einsatz – eben überall dort, wo es Bedarf an großer Rechenleistung gibt. Sie benötigten allerdings auch viel Platz und haben seit jeher einen hohen Preis. Für den im Jahr 1959 eingeführten „IBM 1401“ mussten Unternehmen damals stolze 2.500 US-Dollar zahlen, was aktuell mehr als 24.000 US-Dollar und somit dem Preis so manches Neuwagens entspricht. Heutzutage liegen die Kosten für Einstiegsmodelle jedoch noch weit über diesem fünfstelligen Betrag, große Systeme können hingegen je nach Ausstattung selbst an die Eine-Million-Dollar-Grenze heranreichen.

Doch Mainframes sind im Markt schon lange nicht mehr konkurrenzlos. Aufgrund moderner IT-Konzepte und hier vor allem dem Siegeszug der Cloud steht trotz der Langlebigkeit der Großrechner die Frage im Raum, wie lange sie noch einen Einsatzzweck finden werden und sollen. Fujitsu hat nun im Rahmen einer neuen Roadmap zumindest für Teilbereiche seines Portfolios eine Antwort darauf gegeben. Im Zuge dieser wurde eine globale Strategie angekündigt, die vorsieht, Global-Server-Mainframes und Unix-Server künftig in die Cloud zu migrieren und die Modelle somit auslaufen zu lassen. Aber die Abkündigung bezieht sich „ausschließlich auf die G21-Mainframes, die im Wesentlichen im japanischen Markt verbreitet sind“, wie Florian Holl, Head of EPS Co-Creation Projects bei Fujitsu Deutschland, erklärt.

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Verkauf bis 2030, Support bis 2035

Fujitsu, Roadmap für Mainframes
Fujitsu plant, seine GS21-Mainframes und Unix-Server aus dem Sortiment zu nehmen. Die Mainframe-Modelle werden noch bis zum Geschäftsjahr 2030 produziert und verkauft, sogar ein neues Modell wurde angekündigt. Der Support endet dann im Jahr 2035. Im Falle der Unix-Server endet der Verkauf im Jahr 2029, der Support dann 2034.
© Fujitsu

Konkret will Fujitsu die Produktion und den Verkauf der GS21-Mainframes im Jahr 2030 einstellen. Einen plötzlichen Umbruch von heute auf morgen soll es also nicht geben. Und den Support für die Systeme will der Anbieter sogar bis 2035 aufrechterhalten. Für die Unix-Server gilt dies jeweils ein Jahr zuvor, Verkauf also bis 2029 und Support bis 2034. Durch die frühzeitige Kommunikation der Strategie sollen Anwender laut dem Anbieter ausreichend Zeit bekommen, ihre Systeme zu modernisieren und einen gesicherten Übergang zu gewährleisten.

Trotz der jetzigen Ankündigung spielen Mainframes aber auch weiterhin eine wichtige Rolle im Portfolio. Fujitsu will noch im Jahr 2024 ein neues G21-Mainframe-Modell auf den Markt bringen, für das dann ebenfalls bis 2035 Support angeboten werden soll. Und ein entscheidender Punkt bleibt: Nicht betroffen ist grundsätzlich das Mainframe-Betriebssystem BS2000. Florian Holl betont, dass die Entscheidung losgelöst vom europäischen Markt zu betrachten sei und es sich nicht um einen stufenweisen Rückzug aus dem Mainframe-Geschäft handle. Denn für die Mainframe-Plattform BS2000 soll es keine vergleichbaren Pläne geben. Auch weil Fujitsu für den europäischen Markt deutlich über dieses Jahrzehnt hinaus den Bedarf für das Angebot sieht. Und solange es den gebe, werde auch die BS2000-Plattform bereitgestellt – und zwar auch als On-premises-Lösung, unabhängig von möglichen Cloud-Strategien.

Systeme werden weiterentwickelt

Laut Holl komme zudem grundsätzlich eine Verlagerung in die Cloud für bestimmte Kundenbereiche wie den öffentlichen Sektor in Europa in absehbarer Zeit nicht in Frage. Stattdessen will Fujitsu seine hybride BS2000 SE-Serie weiterentwickeln. In diesem Hybridsystem sind sowohl /390- also auch x86-Hardware-Technologien gemeinsam integriert und zu einer Infrastruktur verbunden. Bis zum Jahr 2030 soll die Performance der x86-Plattform darüber hinaus so weit verbessert werden, dass Fujitsu von der /390-Plattform schrittweise umstellen kann. Dabei sollen laut dem Hersteller die drei Kernkompetenzen der Mainframes auch künftig weiter verbessert werden: Stabilität, Kompatibilität und Sicherheit.

Ein Aus der Mainframes ist also vorerst bei Fujitsu nicht zu befürchten. Florian Holl unterstreicht vielmehr, dass „die Einsatzbereiche des Mainframes auch im nächsten Jahrzehnt weitestgehend gleichbleibend sein werden“. Sprich: Im öffentlichen Sektor, der Industrie sowie dem Finanzwesen gibt es nach wie vor Bedarf für die leistungsfähigen Großrechner fernab der Cloud. Gleichzeitig eröffnen sich aber auch neue Anwendungsszenarien, beispielsweise die Konsolidierung von IT-Diensten in einer gemeinsamen Plattform oder auch von Server-Farmen. Die neue Roadmap des japanischen Herstellers mag also ein Abschied von bestimmten Produkten des Portfolios sein, gleichzeitig aber auch ein Bekenntnis zur Zukunftsfähigkeit des Mainframes.

Fujitsus Vision
Im Februar 2022 hat Fujitsu eine neue Roadmap vorgestellt, mit der der Konzern auch seine Vision für eine „robuste digitale Infrastruktur“ präsentiert. Ziel ist es demnach, mit Technologie zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen und den Menschen ins Zentrum digitaler Vernetzung zu stellen. Und eine entsprechend robuste digitale Infrastruktur wird laut Fujitsu dabei nötig sein, da in naher Zukunft alle Bereiche der Gesellschaft durch digitale Berührungspunkte vernetzt sein werden. Die Infrastruktur soll daher auch als kollaborative Plattform dienen, die Dienste und Daten verknüpft – über verschiedene Teilnehmer, Unternehmen und Industrien hinweg. Gleichzeitig steht die Wirtschaft laut Fujitsu vor einem Paradigmenwechsel. Um weiterhin wettbewerbsfähig und nachhaltig agieren zu können, müssten Unternehmen ihre bestehenden Legacy-Systeme reevaluieren und das Potenzial hybrider IT-Modelle ausnutzen. Diese Modelle sollen laut dem Anbieter zugänglicher und sicherer werden. So will Fujitsu zum Beispiel High Performance Computing-as-a-Service und auch Network-as-a-Service anbieten und gleichzeitig resiliente Sicherheits-lösungen implementieren. Dabei sollen Echtzeitdaten, vernetzte Services und Datenmanagement-Lösungen zum Einsatz kommen. Letztlich will Fujitsu ein Gesamtpaket schaffen, das sich durch Zugänglichkeit, Sicherheit und operative Technologien auszeichnet.

 


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