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Nachbericht zum Axis Roundtable: Smart Building - in der Theorie ganz einfach

Welche Systeme sind zukunftsfähig? Wie verbreitet ist das Fachwissen im Bereich Integration? Was läuft in der Praxis noch schief? Wo sind die Schwachstellen bei der Umsetzung integrierter Systeme? Diese Fragen standen beim Axis Roundtables "Smart Building in der Theorie ganz einfach" zur Diskussion.

Theorie und Praxis Bildquelle: © convisum - 123RF

Jochen Sauer, Business Development Manager bei Axis Communications, diskutierte zusammen mit Sascha Puppel, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger (Gefahrenmeldetechnik), Markus Groben, Geschäftsführer Groben Ingenieure GmbH – Planungsbüro, Werner Rost von der Innung für Elektro- und Informationstechnik München und Martin Möhring, Kriminalhauptkommissar und kriminalpolizeilicher Fachberater in der technischen Prävention, mit eingeladenen Journalisten. Neben der Fragestellung, wo die Schwachpunkte bei der Integration liegen, standen Themen wie Normen und Standards im Fokus der Diskussionsrunde.

„Smart Home”, oder „Smart Building“ – sogar Fachleute haben Schwierigkeiten diese Begriffe im richtigen Kontext zu nutzen. Denn eine einheitliche Definition fehlt. BIM (Building Information Modeling) verbindet, laut Jochen Sauer, alle Gewerke rechts- und normkonform. BIM stellt ein Datenbankmodell dar: Alle Gewerke greifen auf gemeinsame Datenbanken zu. Hier stellt sich die Frage, wer im integralen Prozess die Hoheit über die Datenbank erhält.

Die Stelle eines Systemintegrators fehlt, denn diese Rolle ist zwischen den verschiedenen Herstellern, dem Netzwerkbetreiber, etc. nicht richtig verteilt. So entstehen unbeabsichtigte Wechselwirkungen. Zusätzlich gibt es Situationen, in denen Gewerke nicht miteinander kommunizieren sollten – auch das muss bedacht werden. Heutzutage übernimmt meist derjenige den Part der Systemintegration, der den größten Anteil an dem System hat. Einen speziell beauftragten gewerke- und systemübergreifenden Integrator gibt es nicht.

Aufgrund des fehlenden Systemintegrators, kann es dazu kommen, dass die Bereiche Safety und Security nicht miteinander interagieren: Fluchttüren, Notbeleuchtung, Entrauchung und Brandmelder werden separat voneinander abgenommen und der Gesamtüberblick über die Vernetzung und die möglichen negativen Wechselwirkungen fehlt.

Dabei ist laut Markus Groben eine integrale Denkweise essentiell. Betrachten Planer nur Teilbereiche, fallen Schnittstellen unter den Tisch. Das Produkt sollte dabei in den Hintergrund rücken und passgenaue Lösungen in den Vordergrund. Durch die „smarte“ Vernetzung werden die Gewerke zu einem globalen „Eins“ und es wird erwartet, dass ein Gesamtplaner alle beherrscht.

Wandel der proprietären Systeme: von CCTV zu VSS

Die Digitalisierung hat zwar den Gebäude-Bereich erreicht, trotzdem sind „smarte“ Gewerke-übergreifende Lösungen noch die Ausnahme, denn viele Hersteller versuchen ihre proprietären Systeme zu schützen. Dabei sind offene Standards der Schlüssel zu einer gelungenen Integration verschiedener Gewerke. Nachdem viele Hersteller im Bereich Videoüberwachungskameras bereits den Wandel zu nicht proprietären Systemen vollzogen haben, steht dies, laut Sascha Puppel, als nächstes den Herstellern von weiteren Bereichen der Sicherheitstechnik bevor. Auch hier spielt Axis eine Vorreiterrolle, denn das schwedische Unternehmen setzt nicht nur bei Videokameras seit jeher auch offene Architekturen, sondern auch ihre Zutrittskontrollsysteme sind non-proprietär gestaltet.

„Erst drahtlos, dann ratlos“

Anwender sehen die Not der Digitalisierung und wollen Schritt halten. Dabei vernachlässigen sie die Sicherheit. Funkwege sind bei einfachen Systemen meist unsicher und leicht manipulierbar. In diesem Bereich besteht daher noch großer Bedarf an Aufklärungsarbeit. Sascha Puppel teilte die Beobachtung einer immensen Steigerung von professionelleren Gebäudeangriffen in den vergangenen zwei Jahren. So ist es zum Beispiel teilweise mit einfachen Mitteln möglich, diverse Überwachungsmaßnahmen unter bestimmten Voraussetzungen zu umgehen. Hier sollten der Markt und die verfügbaren Systeme transparenter sein, da es für den technischen Laien kaum möglich ist, sicherere von leicht manipulierbaren Systemen zu unterscheiden. Jedoch gibt es beispielsweise im Einbruchmeldebereich einige wenige Funk-Systeme, die mit einem – unverhältnismäßig – sehr hohen technischen Aufwand überwindbar sind.

Obwohl auch IT-Attacken drastisch ansteigen, sind sie in der Summe gesehen noch gering. Das Internet erleichtert mit detaillierten Beschreibungen der Sicherheitstechnik den kriminellen Alltag. Daher ist die fachliche Qualität der Errichterfirmen von entscheidender Bedeutung. Gerade IT-Unternehmen, die oft für die Installation der Videotechnik verantwortlich sind, fehlen Handwerksfachkenntnisse. Es herrscht ein hier großer Aus- und Weiterbildungsbedarf.

Kunden wissen selbst meist nicht, was sie benötigen. Wenn der Errichter dann gesetzliche Normen umgeht und keine Gefahren- und Bedarfsanalyse vor der Planung betreibt, werden Lösungen für Probleme verkauft, die vorher noch nicht vorhanden waren.
Allerdings ist auch der Facherrichter auf eine gute Fachplanung der zu installierenden Anlage angewiesen. In diesem Schritt macht sich jedoch der Fachkräftemangel bemerkbar: Viele Ausschreibungen erhalten nur noch Copy & Paste-Texte der letzten Jahre, bemerkt Markus Groben.

Bei einer korrekten Planung müssen die elektronische, mechanische, organisatorische, personelle Sicherheit berücksichtigt werden. Daher ist die Bewusstseinsschärfung des Anwenders von enormer Bedeutung, denn dieser setzt aufgrund fehlenden Fachwissens falsche Prioritäten. Die Grundlage einer jeden Beratung sollten Normen darstellen. So hält es auch die Kriminalpolizei, laut Martin Möhring. Durch das fehlende Wissen kommt es dazu, dass Anwender ihre IT-Infrastruktur zwar sehr gut schützen, doch die physische Sicherheit vernachlässigen und den Kriminellen somit Tür und Tor öffnen.