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Umstellung auf All-IP: Zentralisierte Probleme im Netz der Zukunft

Fortsetzung des Artikels von Teil 1.

Weitreichendes Softwareproblem

»Wir haben in der Regel keine Probleme bei der Umstellung«, erklärte Sven Grümer, Projektkoordinator IP-Umstellung bei der Telekom, im vergangenen März. Rund einen Monat später widerlegte ein deutschlandweiter Ausfall diese Aussage. Hundertausende Kunden mussten über Stunden hinweg auf ihren Telefonanschluss verzichten, manche Betroffenen berichteten auch noch am Folgetag über Störungen. Grund soll ein weitreichendes Softwareproblem gewesen sein.

Dieser Vorfall, der in ähnlicher Beschaffenheit auch schon im August 2014 auftrat, zeigt eine große Schwachstelle des All-IP-Netzes auf, die von der Telekom eigentlich unter den Vorteilen gelistet wird: Zentralisierung. War das ISDN-Netz noch dezentral über Vermittlungsstellen (Hauptverteiler) zu betreiben, ermöglicht IP die Bündelung an wenigen Knotenpunkten. Für die Telekom selbst gehen damit freilich erhebliche Vorteile einher. Der Betreiber kann entsprechende Vermittlungsstellen schließen, das Netz mit weniger Aufwand verwalten und so einiges an Kosten einsparen.

Der jüngst erfolgte Ausfall verdeutlicht wiederum, worin die Gefahr dieser Zentralisierung besteht. Kommt es zu einem technischen Problem, sind mit einem Schlag nicht nur wenige, sondern Tausende Anschlüsse betroffen. Ein weitläufiger Stromausfall, der zugegebenermaßen in Deutschland recht selten auftritt, kann einen ähnlichen Effekt hervorrufen. 99,997 Prozent der Zeit soll das hiesige Stromnetz seinen Dienst tun. Für den Worst Case gilt jedoch: Kommt es zu Störungen, dann voraussichtlich im großen Stil.

Zwar bekräftigen die Telekom und Hersteller, die mit ihr zusammenarbeiten, immer wieder, dass die Infrastruktur für den IP-Umstieg gerüstet sei. Wie das hohe Aufkommen von Beschwerden in Foren und gegenüber funkschau-Schwesternzeitschrift CRN aber aufzeigt, sind die Lücken wohl noch größer als die Bonner gerne zugeben möchten. Letztendlich muss die Telekom ihr frisches All-IP-Netz mit mehr Sorgfalt einrichten und pflegen, um etwaigen Kettenreaktionen vorzubeugen, damit die Kunden nicht ihr zuverlässiges, liebgewonnenes ISDN- gegen ein störanfälliges IP-Netz eintauschen.