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Kabeltransaktionen in Deutschland: Vorbote einer neuen europäischen Marktstruktur

Deutschland hat politisch ambitionierte Breitbandziele. Bis 2014 sollen 75 Prozent der Bevölkerung Anschlüsse mit mindestens 50 Mbit nutzen können. Ob dann wirklich diese drei Viertel der Bevölkerung entsprechende Anwendungen nutzen und für deren Anschlüsse flächendeckend bezahlen wollen, sei dahingestellt.

 Dr. Ekkehard Stadie, Senior Partner bei Simon-Kucher & Partners Bildquelle: © Simon-Kucher & Partners

Dr. Ekkehard Stadie, Senior Partner bei Simon-Kucher & Partners

In Deutschland setzt die Politik auf Infrastrukturwettbewerb, um das 75-Prozent-Ziel zu erreichen. Anders ist dies in Ländern wie Australien, wo ein nationales Glasfasernetz errichtet wird. Auch in Deutschland käme niemand auf die Idee, ein zweites Wassernetz, Eisenbahnsystem oder Stromsystem aufzubauen. Bei Breitband gilt dies nicht, hier sollen verschiedene Anbieter den kostspieligen Ausbau in Konkurrenz vornehmen. Hinzu kommen hohe Erschließungskosten durch Deutschland-typische untererdige Verlegung. Zum Vergleich - Rumänien hat heute bereits eine höhere Glasfaserpenetration als Deutschland. Ein Grund, Glasfasern werden oberirdisch verlegt.

In Deutschland dominiert mit 85 Prozent weiterhin ein DSL-Markt. Trotzdem steht der Kabelmarkt aktuell im Fokus. Zwei Giganten der Kommunikationsindustrie verfolgen hier unterschiedliche Wachstumsstrategien.

Der größte Kabelkonzern der Welt, Liberty Global, hat sich durch die Übernahmen von Unitymedia und Kabel BW einen Teil des heute nur 15 Prozent großen Nicht-DSL-Breitbandmarktes gesichert. Liberty Global setzt auf TV und Breitband, Mobilfunk spielt international wie national keine marktrelevante Rolle.

Eine andere Strategie verfolgt Vodafone. Die kombinierte Vermarktung von Mobilfunk und Festnetzprodukten bildet ein Motiv des Kaufs von Kabel Deutschland. Hierbei dürfen zwei Dinge nicht übersehen werden. Einerseits war das die letzte größere realistische Einstiegsoption für Festnetzinfrastruktur in Deutschland. Andererseits sichert die Übernahme der KDG keine flächendeckende Festnetzpräsenz. Mit Hessen, Baden-Württemberg und NRW fehlt 1/3 der Bevölkerung. Die Abdeckung der verbleibenden 2/3 hat - dem technischen Ausbau geschuldet – natürlich Lücken. Damit ist davon auszugehen, dass nur eine Teilmenge der genannten 500 Millionen, die jährlich an die Deutsche Telekom gezahlt werden durch eine Migration auf Kabel eingespart werden kann. Die genannten Potenzialeinschränkungen gelten natürlich auch für das adressierbare Neukundenpozential. Trotzdem ist die Strategie von Vodafone genau richtig und der späte Einstieg bei KDG war alternativlos.

Mit Vodafone, Telefónica und der Deutschen Telekom stehen sich im wirtschaftlich wichtigsten Einzelmarkt Europas die drei relevanten Player gegenüber, die auch in Europa zukünftig dominieren werden. Liberty Global wird weiterhin Kabelgesellschaften in Europa aufkaufen. Am Ende des Prozesses könnte ein gebündelter Verkauf der Breitband-Infrastrukturen an einen der oben genannten Player oder aber wahrscheinlicher an den Vierten im Bunde – Orange (France Telecom) – stehen. Für Liberty Global wird dies ein hochprofitables Finanzinvestment sein. Für Vodafone war es auch deshalb schlau, jetzt einzusteigen. Wenn auch teurer als vor drei Jahren, aber immer noch günstiger als weiter abzuwarten. Dass in einem solchen Umfeld die Übernahme von Kabel BW durch Unitymedia final nicht genehmigt wird, ist unrealistisch. Sie würde Unternehmen wie Wettbewerb eher schaden als nutzen. Die Zeit nationaler Inselanbieter ist endgültig beendet. Der Wettbewerb wird multinational ausgetragen - mit wenigen Multis.